Atlantikkreuzfahrt

Willkommen an Bord!

Samstag, 1. Tag im Mai

Das fängt gut an!

Obwohl wir das Schiff zum ersten Mal betreten, ist die MSC Orchestra eine alte Bekannte. Sie gehört zur selben Baureihe wie die gleichgroße MSC Musica, mit der wir 2007 das westliche Mittelmeer durchkreuzt haben. Auch die Kabine auf Deck 12 ist uns bestens vertraut. Es gibt Balkon, Sitzgruppe und Schreibtisch, bequemes Doppelbett und einen überdimensionalen Spiegel, der vom Boden bis zur Decke reicht und den Raum optisch vergrößert. Das weiße Bad, für Kreuzfahrtverhältnisse geräumig genug, ist angenehm sauber. Nur den Kapitän, ein besonnener Herr mit graumeliertem Haar, kennen wir noch nicht. Er lächelt verbindlich und freut sich, dass wir für den Urlaub auf See die MSC Orchestra gewählt haben.

 

Was sein muss, muss sein

Sieben kurze Töne und ein langer Ton der Schiffssirene signalisieren, die Rettungswesten überzuziehen und sich unverzüglich zum ausgewiesenen Sammelpunkt zu begeben, wo wir in fünf Sprachen für den Notfall auf hoher See vorbereitet werden. Was sein muss, muss sein. Erst nach erfolgter Instruktion geht es zum Dinner ins elegante Restaurant "Villa Borghese". Ballinesische Kellner im Dauerlauf servieren das Menü nach Wahl an unseren Tisch. Die Gerichte auf der Speisekarte klingen verlockender als sie schmecken und lassen vermuten, dass die Küchencrew noch übt. Leider kann auch das im voraus blindgebuchte Weinpaket um keinen Preis variiert werden.

Versöhnung am Abend

Versöhnung bringt der farbintensive Sonnenuntergang, der Fort Lauderdale vergoldet. Möwen umkreisen das Schiff und begleiten die Ausfahrt. Linker Hand erstrecken sich endlos weiße Strände vor Miamis Ocean Drive mit bonbonfarbenen Art-Déco-Palästen, die für bezaubernde Stimmung sorgen. Nachdem der Lotse das Schiff verlassen hat, nimmt es zwischen Florida und der Little Bahama Bank Kurs Nord-Nordost. 28° Celsius am Abend - besser geht‘s nicht! Warmer Wind aus der Karibik umschmeichelt Haut und Haar. Der Schiffsbug spaltet das türkisblaue Meer, bis die Wellen schäumen (vor Wut) und eine salzhaltige Gischt freigeben, die Quallen gleich das intensive Blau bedeckt mit einem Netz aus Schaum, der sich sekundenschnell im Wasser verflüchtigt. Staubfreie Luft und ein entspannter Himmel über einem strahlend weißen Schiff, zwar prachtvoll und hoch, auf den wogenden Wellen aber nur ein winziger Punkt im Wechselspiel der Gezeiten.

Sonntag, 2. Tag 

Rettung in letzter Not

Den ganzen Seetag durchpflügt die MSC Orchestra die flachen Wellen der hohen Gewässer entlang der Küste Floridas und lässt sich treiben vom Golfstrom aus dem Süden. Die Sonne sticht durch einen milchigen Himmel. Trotz Fahrtwind ist es schwül. Große Aufregung an Bord. Das Herz eines Kreuzfahrers streikt. Auch der Schiffsarzt ist mit seinem Latein am Ende. Rettung in letzter Not bringt American Coast Guard. Jedenfalls lässt Staffkapitän Michele Longobardi sicherheitshalber Deck 13 bis 15 komplett evakuieren. Um 18 Uhr eilt ein Helikopter herbei, schwebt senkrecht über der Mitte des Schiffes. Seine Rotorblätter machen mächtig Wind und viel Lärm. Wir halten den Atem an. Per Seilwinde wird der schwer erkrankte Gast in den Hubschrauber gehievt und zur Behandlung an Land in ein Krankenhaus nach Jacksonville geflogen. Der angekündigte Cocktail-Empfang vor dem Gala-Dinner, fällt vorerst aus. Kreuzfahrtdirektor Franco Pili beruhigt die enttäuschten Gäste. Sie werden Kapitän und Crew selbstverständlich noch zu Gesicht bekommen und trotz des Zeitverlustes New York pünktlich anlaufen, verspricht der smarte Italiener, denn das Schiff setze die Fahrt statt mit 16 Knoten nunmehr mit 23 Knoten fort.  

Montag, 3. Tag

Massenbewegung

Die Sonne sticht noch immer. Passagiere bevölkern die Sonnendecks, flanieren über die Promenade, schwärmen durch Gänge, Bars, Lounges und Restaurants. Eine wuselnde Menschenmasse in ständiger Bewegung auf Seegang. Die schwimmende Kleinstadt beherbergt sämtliche Bevölkerungsschichten, die verschiedensten Menschen mit den unterschiedlichsten Charakteren. Damen und Herren, deren Häute von fettigen Crémes in der Sonne glänzen wie Speckschwarten; Lese- und Wasserratten, übermütig spielende Kinder zwischen Sonnenanbetern, die  genervt ihre Ruhe verteidigen, ein Schwerbehinderter im Rollstuhl, der stundenlang das Meer fixiert, und als Lichtblick vor dem Sonnenpool: "Mireille Mathieu", die hübsche Badenixe aus Sachsen-Anhalt. Von rechts tänzeln zwei alternde Schwule durchs Bild; das Toupé des einen, offenbar in einem Kaufhaus preiswert erstanden, droht durch den Fahrtwind vom kahlen Kopf zu fliegen. Der Hintern seines Partners ist in viel zu enge Hosen gezwängt. Beide stolzieren wie Gockel übers Deck, vorbei an betagten Gästen, die meisten wohl in Pension oder Rente. Wie überall gibt es Nörgler, die in jeder Suppe ein Haar finden, und Labertaschen, die jedem das Ohr ablutschen. Etwa der mitteilungsbedürftige Dauerschwätzer mit der stummen Ehefrau an seiner Seite. Von dem Marathonredner aus Hessen erfahre ich alles über die Tücken des Meeres und seine Liebe zur Kreuzfahrt – ein Stammgast, wie sich herausstellt, und MSC-erfahren dazu. In der Regel dominieren bescheidene und freundliche Passagiere das Bild, und amüsante Paare, die sich gesucht und gefunden haben - nichts, was es nicht gibt.

Aus heiterem Himmel 

Gegen Abend kündigen am Horizont erste Vorboten ein Unwetter an. Schwarze Wolken, "aus denen es blitzt, wie in einer himmlischen Disko" (Zitat eines Kollegen). Schneller als uns lieb ist, fallen Wind und Regen über uns her, er prasselt auf uns ein, es pfeift, donnert und knallt, so wütend tobt das Wetter. Das Wasser scheint zu brodeln und zu kochen, es dampft und erhebt sich zu einer wabernden Masse. Das große weiße Schiff wird von dichtem Nebel geschluckt. Eine geisterhafte Stimmung umgibt uns. Kaum hat der Spuk sich in Wohlgefallen aufgelöst, schiebt der Wind das Gewölk beiseite, zeigt Silbermond und funkelnde Sterne am gewölbten Firmament. Wohltuende Stille und ein Meer, das sich beruhigt. Sein monotones Rauschen wiegt uns in den wohlverdienten Schlaf.   

Text: Renato Diekmann

Fotos: Renato Diekmann, MSC (1) & pixelio.de mit G. Altmann (1), C. & R. Küpper (1), S. Kunka (1)