Atlantikkreuzfahrt

Wild und ungestüm

Mittwoch, 12. Tag im Mai 

Zeitvertreib

Den ganzen Tag fahren wir übers offene Meer dem Kontinent entgegen, Kurs Lissabon. Das Wetter ist durchwachsen und könnte besser sein. Wir lesen viel, spielen Shuffleboard, Minigolf, Tennis und Tischtennis, nutzen den Jogging-Pfad und das Fitness-Center. Halten Mittagsschläfchen und genießen den Nachmittag im Body & Mind SPA mit Körperpeeling, Fußpflege und Balinesischen Massagen.

Donnerstag, 13. Tag

Im Land der Entdecker

Bei Sonnenaufgang gleitet die MSC Orchestra durch die malerische Mündungsbucht des Rio Tejo nach Lissabon. Von den oberen Decks ist die Sicht auf das atemberaubende Panorama der Hauptstadt Portugals, von wo aus Vasco da Gama den Seeweg nach Indien entdeckte, berauschend. Wir streifen den Turm von Belém und das Denkmal der Eroberer. Einem Amphitheater gleich schmiegen die Häuser und Gassen sich an die Hänge der „Stadt der sieben Hügel“. Das einzigartige Ensemble wird nur übertroffen von der grandiosen Brücke des 25. April. Sie ist die längste Spannbrücke Europas, zugelassen für Autos, Lastwagen, ja sogar Züge, und repräsentiert den Tag, an dem sich Portugal von Salazars Diktatur befreite.

Melancholie und Sehnsucht

Die Unterstadt (Baixa) ist das Herz Lissabons. Das Zentrum wird durchschnitten von der Rua Augusta, einer von Cafés, Restaurants und Geschäften gesäumten Fußgängerzone. Nehmen wir zuerst die Straßenbahnline 28, die sich in Lissabon vom Rossio ächzend zum Vorplatz der Kathedrale in die alten Viertel Alfama und Graca schlängelt? Oder den Elevador de Santa Justa? Fast jeder nimmt den prächtigen schmiedeeisernen Aufzug von der Baixa (Unterstadt) in die Chiado (Oberstadt) mit einem ergreifenden Ausblick auf Festung und Altstadt. Fasziniert lauschen wir dem Fado, einem melancholischen, bittersüßen Gesang über das Leben, die Liebe und das Leid, dem Inbegriff der Sehnsucht nach Größe und Glück. Nur ungern kehren wir der Stadt den Rücken. Nachdem das Schiff um 21 Uhr abgelegt hat, nehmen wir Kurs auf Vigo, entlang der portugiesischen Küste.

Freitag, 14. Tag

Wie im Paradies

Morgensonne. Wir nutzen die wenigen Stunden vor der Ankunft in Vigo zum Bräunen. Im Norden Spaniens herrschen häufiger Regen als wir vermuten, und fast immer Wind und wolkenreiches, trübes Wetter. Dennoch sei Galizien ein Paradies, wie der Reiseleiter felsenfest behauptet. Zum Beispiel Cambados, ein beschauliches Naturdorf an der Küste, oder das idyllisch gelegene Gut Agro de Bazan, auf dem die Albariño-Traube zu einem aromatischen Wein gekeltert wird. Vermutlich will der Guide uns mit einem guten Tropfen trösten, weil wir Spanien ausschließlich mit Urlaub, Sonne und der Wärme des Südens gleichsetzen. Nichtsdestotrotz liegt Galizien im rauhen Nordwesten der Iberischen Halbinsel, und die Bewohner dieser Region, fleißig und sparsam wie die Schwaben, leben gut mit den Allüren und Launen des Wetters.

Auf den Atlantik!

Weil die „Voyager Of The Sea“ unseren Platz im Passagierhafen besetzt hält, mussten wir bei der Ankunft am Morgen mit dem Industriehafen vorliebnehmen, der außerhalb der City liegt. Dort stehen über tausend Autos auf Halde, Modelle von Citroën, Renault und Seat, die sich offenbar wegen der miserablen wirtschaftlichen Lage derzeit kaum verkaufen lassen. Das ehemalige Fischerdorf mit der quirligen Altstadt lebt neben dem Automobilbau vom Fischfang und gilt als größter Fischereihafen Europas. Die Küstenregion um Vigo mit unzähligen Rias (fjordähnlichen Buchten) spiegelt die Nähe zum Atlantik. Zu den Spezialitäten der galicischen Küche gehören Krusten- und Schaltentiere, Austern, Langusten und natürlich unzählige Muschelarten, die auf Bänken in den windgeschützten Rias herangezüchtet werden. Auch vielseitige Fischgerichte, stets frisch, preiswert und lecker, bereichern den Speiseplan. Zur Feier des Tages gönn ich mir ein Dutzend frische Austern, dazu ein Fläschchen Champagner. Ich halte es mit Ludwig Fels, einem Freund aus Jugendtagen, erhebe das Glas, proste mir nach jeder Auster zu, und trinke auf die gesamte Menschheit, obwohl ich nur wenige Menschen kenne.

Samstag, 15. Tag

Im Land der 1000 Flüsse

Nachts sind wir entlang der spanischen Küste gen Norden gefahren, vorbei an Kap Finisterre und Kap Villano, direkt in den Golf von Biskaya, um in La Coruña, Galiziens Hauptstadt, anzudocken. Wir sind im Land der 1000 Flüsse. Die Wasserläufe fließen vom bergigen Inland talabwärts zur Küste, wo sie sich in den typischen Rias sammeln. Vor uns liegt eine kontrastreiche Küstenlandschaft mit schönen Stränden, urigen Fischerdörfern und gefährlichen Klippen, wie an der Costa La Muerte, der Küste des Todes. Die typische Architektur der Stadt im Norden Spaniens zeigt sich eindrucksvoll entlang der Hafenpromenade an den verglasten Häuserfronten mit hölzernen Erkern und Wintergärten. Dahinter erheben sich stolz das prachtvolle Rathaus, und im Hafen der „Torre de Hercules“, ein alter römischer Leuchtturm aus dem 2. Jahrhundert, das Wahrzeichen der Stadt.

Unberechenbares Meer

Während des Dinners fahren wir aufs offene Meer hinaus. Die Biskaya ist wild und ungestüm. Mit voller Wucht klatschen sechs Meter hohe Wellen wie flüssiges Blei gegen die Bordwand, überfluten die Bullaugen des Restaurants, in dem wir sitzen. Das Schiff stampft durch die mächtigen Wellen, rollt nach rechts und rollt nach links, so dass ich kaum noch aufrecht laufen kann, so heftig geht es auf und ab, schwankt und schaukelt es. Richtig unangenehm! Mir wird ganz mulmig zumute. Kündigt sich etwa die Seekrankheit an? Ich zieh‘ mich in die Kabine zurück, ohne ein Auge zuzudrücken. Die Fünfmetersechzig großen Blätter der zwei mächtigen Schiffsschrauben kämpfen gegen die Wassermassen an, die unter mir eine Tiefe von 5.000 Metern erreichen. Die ganze Nacht liege ich unruhig im Bett. Die Kabine ächzt und knarrt, dass einem angst und bange wird; es rumpelt, pocht, knistert und knarzt. Zu allem Überfluss zieht es wie Hechtsuppe, der Wind pfeift lautstark durch Fugen und Schlitze. Er singt ein beängstigendes Lied. Bis in die frühen Morgenstunden.

 

Text: Renato Diekmann, Fotos: Renato Diekmann, AG (2)