Zimmer mit Aussicht
Pures Gold und tödliche Schüsse
„Johannesburg ist reich geworden durch das Gold aus den Minen“, sagt Heinz und deutet mit der Rechten auf den ockergelben, breiten Streifen, der sich im Süden der Stadt in weitem Bogen um die Industriemetropole schmiegt. Wir stehen mit unserem Stadtführer im 50. Stock des Carlton Center in Johannesburg und betrachten Südafrikas Metropole aus der Vogelperspektive. Von hier reicht der Blick über Wolkenkratzer, die stark an amerikanische Großstädte erinnern, bis zu den qualmenden Schloten der Kohleöfen von Soweto. „Trotz des Goldes gibt es immer noch arm und am ärmsten“, sagt Heinz, der vor 38 Jahren sein Glück in Johannesburg suchte und fügt hinzu: "Abstand ist nun mal das einzige, was die Reichen den Armen zugestehn". Vor uns ausgebreitet liegt das Nobelviertel Sandton mit pompösen Villen, Luxushotels und Einkaufstempeln. Gleich daneben Township Alexandra, wo über eine halbe Million Schwarze in meist elenden Behausungen ihr Leben fristen. Unten angekommen, kurven wir im weißem Van im Schritttempo durch die graue City, wo an jeder Ecke Joburger und zugereiste Schwarzafrikaner hinter wackeligen Ständen stehen. Und fröhlich lächeln, besonders die Kinder mit bunt bemalten Gesichten. Sie verkaufen Blumen, Haushaltswaren und alles, was sich irgendwie zu Geld machen lässt. „Jetzt geht es nach Soweto“, verkündet Heinz vom Welcome Tourism Services. Er steuert den Wagen aus der Innenstadt durch eine Allee mit lila blühenden Jacarandas Richtung Südwesten.
Heimat der Nobelpreisträger
„Die Besichtigung der weltbekannten Trabantenstadt Soweto darf in keiner Stadtführung fehlen“, belehrt uns Heinz, die Frohnatur. South West Township bildete einst die Keimzelle im Kampf um die Demokratie. Hier formierte sich der landesweite Widerstand gegen das Apartheid-Regime, hier lebten die Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela, Desmond Tutu und der kleine Hector Peterson. Der 13-jährige Schüler wurde 1976 das Opfer rigoroser Polizisten, die bei der Studentenrevolte in Soweto wahllos in die Menge schossen und 600 Menschen töteten. Das Ballungsgebiet südwestlich von Johannesburg, in dem es eine Klinik und Universität gibt, besteht aus 32 zusammengepferchten Townships. Auf der Suche nach Arbeit drängen sich hier über 3 Millionen illegale und legale Siedler in notdürftig erstellten Wellblechhütten und winzigen Steinhäusern. Sie wurden einst für die schwarzen Minenarbeiter erbaut und sehen durch Ruß und Witterung inzwischen aus wie schmutzige Schuhkartons. Dank der rasant wachsenden südafrikanischen Wirtschaft belegen aber auch immer mehr komfortable Bungalows im Meer der Wellblechhütten den zunehmenden Wohlstand der Bevölkerung. Und selbst um die winzigen Matchbox-Häuser der armseligen Siedler gruppieren sich nicht selten bis zu acht flüchtig zusammengezimmerte Verschläge aus Holz und Wellblech, das im Licht der Sonne silbrig glitzert und den noch ärmeren Bewohnern ein Dach über den Kopf gibt. Immerhin ein wenig Schutz vor Hitze, Kälte, Sturm und Regen.
Business to Business
Johannesburg ist die größte Stadt Südafrikas, und eine der modernsten auf dem afrikanischen Kontinent. Gut sieben Millionen Menschen erwirtschaften rund 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Hier laufen die Geschäfte des Landes zusammen, hier gibt es den größten Reichtum, die zukunftsträchtigsten Innovationen und die meisten Unterkünfte. Vom eleganten Fünf-Sterne-Hotel, das sich mit den besten Häusern der Welt messen kann, bis zur gemütlichen Frühstückspension und individuellen Private-Lodge, wird alles geboten. „Gold Reef City“, beispielsweise, ist um den alten Schacht der Crown-Mine angelegt und bietet Unterhaltung wie zu Zeiten des Goldgräberbooms. Das Hotel mit umlaufender Veranda ist ein perfekt rekonstruierter Nachbau im viktorianischen Stil, hat nostalgisch eingerichtete Zimmer mit allem Komfort und Restaurants im Look jener Zeit.
Im grünen Melville
Wir nächtigen bei Jacques und Lise Wallis. In einer der schönsten Unterkünfte Johannesburgs. Sie liegt im Stadtteil Melville und ist ein architektonisches Highlight mit einzigartigem Design: Das Private Guest House „A Room With A View“. Die drei hellen Sandsteinvillen im toskanischen Stil inmitten eines mediterranen Gartens haben bei der Ankunft am Morgen auf Anhieb verzaubert. Hinter den leuchtenden Mauern mit Balkonen und Erkern, Türmchen und Zinnen, Engeln und Putten gibt es zwölf individuell eingerichtete Suiten mit antiken Möbeln und ausgesuchten Accessoires. Die oberen Gemächer öffnen sich zu einer luftigen Terrasse mit Blick auf die Skyline der City und das idyllische Künstlerviertel Melville. Im Grünen leben hier Autoren, Maler und Musiker, animieren originelle Bars und kleine gepflegte Restaurants zur Einkehr.
Haushohe bogenförmige Sprossenfenster fluten das Innere unserer Herberge mit Sonne, und wenn die Nacht hereinbricht, dienen bunte Lampions von den Decken der meterhohen Räume als warme, gemütliche Lichtquellen. Schmiedeeiserne Betten und Regale, goldverzierte Spiegel und kunstvoll gearbeitete Kerzenständer ergänzen die bis ins Detail durchdachte Einrichtung der Häuser, an deren naturbelassenen Ziegelwänden großformatige Bilder das Auge erfreuen.
Künstler am Werk
Die in Öl gemalten Werke stammen meistens von Lise Wallis, einer stadtbekannten Art Designerin. Die künstlerisch begabte Managerin hat jedes Detail im Haus liebevoll arrangiert, wobei alle noch so kleinen Utensilien in den Zimmern von erlesenem Geschmack und großem Kunstverständnis zeugen. Selbst den Willkommensgruß auf dem Couchtisch in der von uns bewohnten Suite hat sie klassisch mit Tinte geschrieben und in Schönschrift erstellt. Von ihrem Mann, Jacques, sind die architektonischen Entwürfe für die im mediterranen Stil erbauten Villen, an deren Entstehung er Stein für Stein mitgewirkt hat. Beide haben kräftig zugepackt für die Erfüllung ihres Traumes und das gelungene Gebäude-Ensemble zu einem wahren Schmuckstück ausgebaut, das auf einer Anhöhe erhaben über Johannesburg thront. Trotz zahlreich verspielter Details wirkt nichts überladen. Jeder Raum ist individuell eingerichtet und ein Kunstwerk für sich. In solch einem gelungenen Ambiente verzichten wir gern auf modernen Komfort und Luxus, der im „A Room With A View“ selbstverständlich geboten wird, und auch der Fernseher bleibt stumm.
Ibis im Vollmond
Das aufmerksame Paar kümmert sich rührend, bewirtet uns fürstlich mit Sushi und süffigem Chardonnay aus namhaften südafrikanischen Lagen, bei denen Weinkenner leuchtende Augen bekommen. Bei Sonnenuntergang sitzen wir gemütlich auf weichen, ledernen Polstern in der Cigar-Lounge, genießen zum Ausklang des erlebnisreichen Tages einen Pharisäer, der es in sich hat, plaudern über Gott und die Welt. Es ist herrlich! Als Melville im Abendrot versinkt und im offenen Kamin ein Feuerchen flackert, ziehen wir zufrieden und dankbar an der Davidoff, die Lise uns spendiert hat, hauchen blaue Kringel durch die weit geöffnete Flügeltür in die Dämmerung Südafrikas. Über das Penthouse ziehen lärmend Ibisse. Für Sekunden verdecken die schwarz schillernden Vögel den silbrigen Vollmond, der sich lautlos, aber majestätisch über die illuminierten Hochhäuser der Stadt gehängt hat.
> mehr über A Room With A View
Text: Renato Diekmann, Fotos: Renato Diekmann, Elliot/ARWAV, SAT

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