Sonne über Istrien
Fata Morgana?
Ist es eine Spiegelung des Himmels, ein Effekt des mediterranen Lichts, den die Sonnenstrahlen hervorrufen, oder gar eine Fata Morgana, eine Laune der Natur, die das Meer mit dem Horizont mal violett, mal blau, mal silbergrau, orange und blutrot verschmelzen lässt? Die oft beschworene Schönheit der fantastischen Sonnenuntergänge an der Küste Istriens haben Dichter auf Papier und Maler auf Leinwand verewigt; Schönheit berührt jedes Herz und verleiht nicht nur der abwechslungsreichen Landschaft ihr harmonisches Bild, sondern spiegelt sich auch in den Seelen der Menschen, die hier gelassen und zufrieden leben, ihren Platz jedoch um keinen Preis der Welt tauschen würden.
Rovinj...
Rovinj ist ein romantischer Ort mit venezianischer Architektur und italienischem Flair, der die mediterrane Atmosphäre hinter dem morbiden Charme seiner Altstadtfassade zu bewahren versteht. Ein Labyrinth aus verschachtelten Steinhäusern mit verwitterten Fassaden und rotbraunen Dächern aus Terrakotta-Ziegeln, die vom schlanken, 59 m hohen Campanile und der alles beherrschenden Pfarrkirche stolz überragt werden. Hinter dem Altar ruhen die Gebeine der sagenumwobenen Sv. Eufemija, nach der das Gotteshaus benannt ist. Seit ein mutiger Jüngling in der Gewitternacht des 13. Juli 800 beherzt einen angeschwemmten Sarkophag, den niemand zu bergen vermöchte, mit wundersamen Kräften ganz allein aus dem Meer an Land hob, wird besagte Dame als Schutzheilige der Stadt verehrt. Denn die Kroaten sind glühende Verehrer ihrer Schutzheiligen und der Jungfrau Maria, die in keiner Kirche und Kapelle fehlen dürfen.
Traumhaft schön
Wir sitzen auf weichen Kissen im „Valentino“, einer verwunschenen Bar für Verliebte und Träumer, auf felsigem Grund in der Nähe des Hafens, bei Bellini und Martini Bianco, spüren die Wärme der untergehenden Sonne auf der Haut und genießen den lauen Wind, der an diesem Septemberabend vom Meer ein wenig Abkühlung bringt. Istrien-Liebhaber nutzen längst, wie ihre Entdecker, die Vor- und Nachsaison, denn die Hitze des Sommers ist unerträglich und die Hafenstädte in aller Regel überlaufen von Touristen aus ganz Europa. Die Kraft des Meeres wirft seine Wellen an die felsigen Gestade und Mauern der alten Hafenstadt; zurzeit noch mit sanftem Geplätscher, bei hohem Seegang, wenn der Bora unerbittlich bläst, auch mit zerstörerischer Kraft. Heute jedoch vergoldet das Abendrot das historische Städtchen, das sich majestätisch über die Adria in den wolkenlosen Himmel erhebt.
Stari Grad
Während auf dem glitzernden Wasser vor dem Horizont Fischer in dümpelnden Booten ihr Abendmahl angeln, öffnen in der malerischen Altstadt urig eingerichtete Konobas und gepflegte Restaurants ihre Pforten. Dazwischen liegen einfache Läden, verschwiegene mit Pflanzkübeln dekorierte Innenhöfe, blumengeschmückte Treppen, lichte Terrassen, schattige Torbögen und geheimnisvolle Winkel, hübsche Boutiquen und kleine Galerien, in denen Künstler ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Ringsum herrschen Ruhe und Gelassenheit. Kein Autolärm, kein Stress, kein hektisches Treiben plagen Anwohner und Besucher der Altstadt, deren Ursprünge bis ins 3. Jh. zurückreichen. Niemand hat es hier eilig. Und Zeit, um alles schön der Reihe nach erledigen zu können, gibt es reichlich – irgendwann jedensfalls, morgen vielleicht.
Wie gemalt
Gemütlich schlendern wir durch enge Gasse steile Stufen bergauf zum grünen Dach des von Zypressen bestandenen Kirchhügels. Vom höchsten Punkt der Stadt haben wir eine fantastische Sicht über den klassisischen Küstenort. Dichte Kiefern- und Pinienwälder säumen die Buchten, davor liegen vereinzelt kleine Inselchen, die wie dunkle Maulwurfshügel aus dem Wasser ragen. Dazwischen hinterlässt das Kielwasser der Segler und kleinen Boote ihre Furchen und gleiten zielstrebig an die sichere Mole. Rovinj, die Adriaperle, trägt seinen schmucken Beinamen zu Recht, und wird regelmäßig von Kreuzfahrt- und prächtigen Segelschiffen angelaufen. Als die Nacht hereinbricht, verabschiedet sich die Fünfmastbark „StarClipper“, mit funkelnden Lämpchen an den Masten, Richtung Dubrovnik. Noch mehr begeistert aber die illuminierte Silhouette der Stadt auf unserem Weg zum Hotel Eden im grünen Waldpark am Goldkap. Wir betrachten die schwankenden Boote im pittoresken Hafen vor bunt gestrichenen Häusern entlang der gutbesuchten Promenade und nehmen einen Absacker in einer Hafenbar, in der Songs von Paolo Conte, Melody Gardot, Heather Nova und Miroslav Škoro gespielt werden.
Text & Fotos: Renato Diekmann

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