Volles Programm!

Versunken im Meer

Die besten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Austern- und Muschelzucht sind gegeben, wenn frisches Süßwasser und eindringendes Meerwasser ineinanderfließen und zum Stillstand kommen, erzählen die Fischfarmer vom Limski Kanal. Und tatsächlich: Die Muschelgerichte, die in zwei Restaurants am Ufer zum Lim-Bach serviert werden, gelten unter Feinschmeckern als die delikatesten und leckersten in ganz Istrien. Ursprünglich eine Bucht, bezeichnen die Anwohner ihren Limski Kanal als schönsten Fjord Kroatiens, der sich am besten von einem Aussichtspunkt am Nordhang überblicken lässt, wo man erfährt, dass die weiland 25 km lange Karstschlucht Limska draga schon vor mehr als 10.000 Jahren im Meer versank.

Panierte Muscheln und beschwipste Früchte

Heute reicht die in tiefem Blaugrün glänzende Bucht über 10 km in die unberührte, wilde Karstlandschaft. Dicht bewaldete, steile Hänge, die schwer zu besiedeln sind, machen die canyonartige Schlucht zu einem grandiosen Naturschauspiel. Das Wasser- und Naturschutzgebiet ist eines der beliebtesten Ausflugsziele entlang der Westküste Istriens und wird täglich von Passagierbooten aus Poreĉ, Rovinj und Vrsar angesteuert. Dabei wird auch die nahe gelegene Romualdos-Grotte besucht. Die Schiffe ankern vor der Höhle, in der Szenen für den Karl-May-Film „Der Schatz im Silbersee“ gedreht wurden. Mit dem Auto unterwegs, nehmen wir zuerst Kurs auf Kanfanar und besuchen den vor langer Zeit verlassenen Ort Dvigrad. Noch heute sind die efeuumwucherten Ruinen der einst mächtigen Felsstadt gut zu erkennen. Anschließend gönnen wir uns im Fjord-Restaurant panierte Muscheln, die hier ganz oben auf der Speisekarte stehen, und kosten an einem der bunten Verkaufsstände Grappa, Ziegenkäse und „beschwipste“ Früchte – in Schnaps eingelegtes Obst.

Gedenken an Jules Verne 

Vergeblich halten wir in Pazin Ausschau nach jugendlichen Gruppen, die in historischen Kostümen durch verwinkelte Gassen toben – wie an den alljählich stattfindenden Jules-Verne-Tagen Mitte Februar. Die Kleinstadt liegt im Herzen der Halbinsel und ist Istriens politisches Zentrum. Auf einem Hügel der mittelalterlichen Altstadt thront das imposante Kastell, eine Zwingburg der Habsburger, mit Innenhöfen, Verließ und Blick auf die Fojba-Schlucht. Ein Paar aus Leipzig kommentiert die dicken Kerkermauern der Burg, die nach dem zweiten Weltkrieg eine zeitlang als Gefängnis diente, mit der Bemerkung, „dass es damals wenigstens noch wirksame Strafen gab“.

Von der Finsternis ans Licht

Der Blick in den gähnenden Schlund der finsteren Schlucht soll nicht nur Abtrünnige und Gesetzlose abgeschreckt, sondern auch den französischen Schriftsteller Jules Verne inspiriert haben, seinen Romanhelden, den Grafen Mathias Sandorf, erst in das Verließ einzukerkern und anschließend durch Schlucht und Limski Fjord nach Rovinj flüchten zu lassen. Auch dem aus Florenz verbannten Dichter und Philosophen, Dante Alighieri, verschlug es beim Anblick des dunklen Abgrunds den Atem. Nachhaltig beeindruckt von der Fojba-Schlucht, fand sie als "Höllenschlund" ihren Niederschlag in Dantes Hauptwerk „Divina Commedia“ – die „Göttliche Komödie“, die während der Jahre seines Exils (in Pazin und Rovinj) entstanden sein soll.

Die grandiose, zauberhafte Landschaft zwischen Pazin und der Ostküste lässt uns den finsteren Schlund schnell vergessen und bietet zur Abwechslung ein reichhaltiges Kontrastprogramm: weite Täler, stille Seen, lichte Höhen, beschauliche Bergdörfer, liebliche Weinfelder und reihenweise Bäume mit Lecino- und Pendolino-Oliven. 

Einer der ersten Touristen 

Die Fahrt nach Opatija führt spektakulär in Serpentinen am Ufer entlang. Die kurvenreiche Straße entlang bewaldeter Hänge gilt als die schönste Route Istriens. Weit reicht der Blick über malerische Bergdörfer auf die Vela Vrata der Kvarner Bucht bis zur Insel Cres, wo zwischen Brestova und Porozina eine Fähre verkehrt. Durch das Grün der Eichen, Esskastanien und Lorbeerbäume entdecken wir entlang der von Palmen gesäumten Uferpromenade (Lungomare) die herausgeputzten Villen und aufwändig restaurierten Prachtbauten aus der guten alten k.u.k-Zeit. Kein Zweifel, wir sind in Opatija, einem nostalgischen Kurort, mondän, beschwingt, und noch immer behaftet mit einem Schuss „Wiener Schmäh“. Während der Donaumonarchie gehörte es zum guten Ton, nicht nur Meran, Bad Ischl und Karlsbad die Ehre zu geben, sondern auch dem Seebad Opatija, das 1894 mit dem Treffen Kaiser Wilhelm II. und Franz Josef I. von Österreich-Ungarn, einer der ersten Kvarner Touristen, Weltruhm erlangte.

Belle-Époque und Wiener Melange

Wie eh und je flanieren die Kurgäste vorbei an Opatijas Wahrzeichen, der hinreißenden Bronzestatue „Gruß an das Meer“, trinken auf der großen Terrasse des ehrwürdigen Hotels „Kvarner“ zu Apfelstrudel und Sacher-Torte Wiener Melange, und vertreten sich anschließend die Beine im nahegelegenen Park Angiolina. Vor den bunten Blumenrabatten der klassizistischen, rosafarbenen Villa gleichen Namens, in der Mitglieder der österreichischen Kaiserfamilie einst überwinterten, traf sich um 1900 die Créme de la créme der Wiener (Hof)Gesellschaft zum Stelldichein. Die fehlt zwar heutzutage, aber niemanden würde es wundern, auf dem Lungomare zwischen Lovran, dem ältesten Ort der Opatijska riviera, und dem Fischerdorf Volosko, im Schatten der Mammut- und Zitronenbäume, Akazien und Zedern "elegante Damen in langen Kleidern prominieren zu sehen und die Klavierübungen höherer Töchter zu hören," wie ein Reiseführer treffend beschreibt – eine schöne Illusion, die durch Besucherscharen aus Italien, Deutschland, Österreich und Slowenien rasch relativiert wird.

Text & Fotos: Renato Diekmann