Authentisch & bescheiden
Lebenslust pur
In Istrien braucht es keine Schauspieler, um Lebensfreude zu zeigen. Land und Leute verkörpern das, was man heutzutage so gerne als authentisch bezeichnet. Die fruchtbare Landschaft, in der Oliven, Weintrauben und Trüffelpilze gedeihen, und fischreiche Gewässer rund um die herzförmige Halbinsel im Norden Kroatiens sind den Menschen genug. Ihre bodenständige Einstellung zum Leben hat das freundliche Gemüt der Istrier seit jeher geprägt und bezeugt bis auf den heutigen Tag mediterranen Charme, balkanische Gelassenheit und italienische Lebenslust, die von Herzen kommen.
Lohn der Arbeit: Volle Netze
Die kleinen Boote und Segelschiffe – an der Hafenmole dicht gedrängt und fest vertäut – schwanken sanft im Rhythmus der Wellen, die an diesem Morgen von betagten Kuttern angespült werden. Die Küstenfischer kehren heim. In Gummistiefel, knallgebe Jacken und orange leuchtende Latzhosen gekleidet, schütten sie ihren größtenteils noch lebenden, Jod verströmenden Fang in bunte Kisten, befreien die Netze von Krusten- und Schalentieren. Frisch in der Nacht gefangen, werden Goldbrasse, Makrele, Rotbarbe, Seebarsch und Thunfisch von Bord direkt an Köche und Besitzer der umliegenden Hotels und Restaurants verkauft. Dabei gibt es viel zu erzählen und zu lachen; wir erfahren eine Menge über den Alltag der Fischer, über das Flicken der Netze, über den gefürchteten Wind, den unerbittlichen Bora, der die Fanggründe erheblich beeinträchtigen kann, kennen schließlich die Namen der Fische und Meeresfrüchte fast auswendig, die aus der istrischen, vom Nachbarland Italien stark beeinflussten Küche nicht wegzudenken sind.
Gern hätten wir an diesem frühen Morgen die Plauderei mit den Fischern fortgesetzt, aber der schnittige Katamaran, den wir für einen Tagesausflug von Porec nach Venedig (einstige Schutzmacht der istrischen Hafenstädte und Bergdörfer) gebucht haben, wartet nicht (siehe auch Bericht "Venedig: Istriens Vorbild").
Hvala – Vielen Dank!
Nach unserer Rückkehr aus Venedig sitzen wir in unserer Lieblingsbar in der ersten Reihe vor schaukelnden Booten im Hafen von Rovinj, saugen die mediterrane Stimmung in uns auf, angetan vom Licht und seinen Farben – mal lieblich, mal betörend, aber immer überwältigend. Die schönste Küstenstadt Istriens ist der ideale Ort für die Entdeckung der Langsamkeit. Dazu passen frische Oliven und ein Glas Martini Bianco. Vor illuminierter Kulisse genießen wir den Abend, verabschieden uns später mit einem „Hvala, do sutra!“ und freuen uns auf einen neuen, erlebnisreichen Tag, dem wir gewiss nicht gleichgültig sein werden.
Text & Fotos: Renato Diekmann

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