Kein schöner DeutschLand

Zeitzeugen in Chemnitz

Mit dem Türmer hoch hinaus

Der in Schwarz gekleidete Mann vor dem Ratskeller weckt Interesse. Eine Menschentraube, bewaffnet mit Fotoapparaten, hat sich um die dunkle Gestalt versammelt. Stefan Weber, im mittelalterlichen Kostüm eines Türmers gehüllt, lockt mit seinem Horn Touristen auf die Plattform des Hohen Turms und verspricht ihnen aus 68 Metern Höhe einen herrlichen Blick auf die über 800 Jahre alte Geschichte von Chemnitz. Die Zeugen der Zeit liegen zwischen den Plätzen der City, dem Kaßberg und dem Wasserschloss oberhalb des ausgedehnten Stadtsees, einer Oase im Grünen. Die Sehenswürdigkeiten sind zu Fuß bequem erreichbar.

Das Geschenk der Vulkane

Die Stadt mit ihrer Architektur zwischen Jugendstil und Bauhaus, industrieller Gründerzeit und Post-Moderne gewährt reizvolle Einblicke. Unübersehbar reckt sich der Rote Turm, das älteste Bauwerk und Wahrzeichen der Stadt, in den Himmel. Am Kopf des Opernplatzes thront das prächtige Opernhaus, würdevoll eingerahmt von der neugotischen St. Petri-Kirche und dem König-Albert-Museum, einst streng bewacht vom Versteinerten Wald, der heute das Kulturkaufhaus DAStietz schmückt. Die bedeutendste Kieselholzsammlung der Welt ist ein einzigartiger archäologischer Fund – ein Geschenk der Vulkane. Die verkohlten aufragenden Stämme sind 250 Millionen Jahre und älter.  

Repräsentative Prachtmeile

Nicht ganz so alt, aber nicht weniger eindrucksvoll sind die Gebäude und Häuser auf dem Kaßberg. Das Viertel der wohlhabenden Chemnitzer Bürger zählt zu den europäischen Spitzenleistungen der Gründerzeit- und Jugendstilarchitektur. Hinter den imposant gefertigten Fassaden der vornehmen Bürgerhäuser befinden sich herrschaftliche Altbauwohnungen mit hohen stuckverzierten Decken. In den Räumen lebten früher geschäftstüchtige, ehrbare jüdische Kaufleute, Schuldirektoren, Stadtverordnete, Fabrikanten und namhafte Künstler mit Weltruhm: die Schriftsteller Lothar-Günther Buchheim, Stefan Heym und Stephan Hermlin. Der von den Frauen umschwärmte Tenor Richard Tauber Senior, einst Pächter und Intendant des Chemnitzer Opern- und Schauspielhauses, die Malerin Martha Schrag, die Bauhauskünstlerin Marianne Brandt sowie der Erfinder der Thermoskanne, Ferdinand Weinhold, aber auch die 22-jährige Grete Beier, die 1907 für den Mord an ihrem Ehemann Kurt Pressler durch das Fallbeil – Sachsens letzter Todesstrafe  – hingerichtet wurde.

Das Glanzstück der Stadt

Bis 1945 blieb der Kaßberg das Wohnviertel für die gutbürgerliche Gesellschaft. In den Straßen ging es ruhig und vornehm zu. Es gab weitläufige Parkanlagen mit herrlichem Baumbestand, alles war piksauber und die Luft besonders rein, weil das Viertel von den rauchenden Fabrikschloten im Osten der Stadt verschont blieb. 1938 brannte die Synagoge lichterloh, und im Zweiten Weltkrieg wurden die schönsten Häuser und Villen zerstört. In der DDR hatte die soziale Klassifizierung erst einmal ein Ende. Der Kaßberg wurde das Wohngebiet für Werktätige des Arbeiter- und Bauernstaats. Leider riss man im Laufe der Zeit sanierungsbedürftige Häuser bedenkenlos ab und jene, die nicht abgerissen wurden, fielen dem Zahn der Zeit zum Opfer, weil man ihren kulturhistorischen Wert damals keinerlei Bedeutung beimaß. Stattdessen wurden schlichte Plattenbauten errichtet, die das Gesamtbild des Kaßberg-Karrees gründlich verschandelten. Erst nach der deutschen Wiedervereinigung wurde der Verfall der historischen Bausubstanz gestoppt, die Häuser aufwändig restauriert, der Kaßberg zu einem der attraktivsten Wohnviertel Sachsens wiederbelebt.

Erfindergeist wie anno dazumal

Die drittgrößte Metropole Sachsens kann sich mit Dresden und Leipzig jederzeit messen, auch wenn Chemnitz, die ehemalige Karl-Marx-Stadt, nicht so üppig mit finanziellen Mitteln bedacht wird wie die vorgenannten Sachsenmetropolen. Dafür zeigt Chemnitz umso mehr Erfindergeist. Chemnitz ist schließlich die Wiege des deutschen Maschinen- und Fahrzeugbaus. Die reiche industrielle Tradition ist in der Stadt allgegenwärtig. Wo früher Dampfmaschinen stampften, Webstühle surrten und von August Horch Automobile produziert wurden, zeugen heute modernste High-Tech-Unternehmen vom Know-how der Chemnitzer Ingenieure. Alte Industrietradition verschmilzt mit modernen Lebensformen. Hinter der Rundbogenfassade einer ehemaligen Gießerei gibt es im neuen Industriemuseum Industriegeschichte zum Anfassen. Ob eine original Hartmann-Lok, ein schickes Horch-Modell oder eine monströse Webmaschine das Industriemuseum schmücken – die Begeisterung der Chemnitzer für blitzendes Blech und eiserne Maschinen ist hier an allen Ecken und Enden festzustellen.

Die schönste Villa Sachsens

Hautnah nachvollziehen lässt sich in Chemnitz der Wohn- und Lebensraum des Textilunternehmers Herbert Eugen Esche, sobald man sich in der Parkstraße 58 in dessen Villa begibt und die eleganten Salons besichtigt, die heute allen Interessenten offen stehen. Der Jungunternehmer Esche – seinerzeit Deutschlands größter Strumpffabrikant – beauftrage 1902 den belgischen Künstler und Architekten Henry van de Velde zum Bau einer repräsentativen Villa, der Villa Esche. Die gradlinige und funktionale Architektur dokumentiert die rationale Auffassung des Jugendstiles, die später van de Veldes Schüler Walter Gropius für sein Bauhaus-Konzept in Dessau konsequent aufgriff und weiter führte. 

> mehr über Chemnitz  

Text & Fotos: Renato Diekmann