Auf Spritztour durch Sachsen
Die Autoregion Leipzig
Wer über die Autobahn A 14 nördlich um Leipzig fährt, entdeckt viele bekannte Unternehmen, die sich in den vergangenen Jahren hier angesiedelt haben, darunter die Automobilmarken BMW, Porsche und die Deutsche Post DHL. Erfreulich ist, dass es der Leipziger Messe GmbH gelungen ist, bedeutende Ausstellungen wie die Auto Mobil International (AMI) in Leipzig zu etablieren, zu der jährlich 300.000 Autoliebhaber pilgern. Dies zeigt, dass die Autoregion Leipzig nicht nur einen gewichtigen Wirtschafts- und Imagefaktor darstellt, sondern auch dem Tourismus viele Impulse verleiht – zumal man die interessante Automobilentwicklung in Leipzig und Sachsen hautnah erleben kann.
Automobilstandort Leipzig
Leipzig ist eine traditionsreiche und aufstrebende Stadt. Hier ist die Musik genauso zu Hause wie der Sport, die Universität und das Auto. Ab 2013 baut BMW das Automobil der Zukunft in Leipzig. Neben der 3er Limousine und mehreren Modellen der 1er Serie wird das neue Elektroauto von BMW im hochmodernen Leipziger Werk vom Band rollen. Schon heute kommt jeder siebte BMW, der weltweit ausgeliefert wird, aus Leipzig. Auch Porsche erweitert stetig sein Spektrum an im Leipziger Werk gefertigten Wagen. Neben dem Cayenne und Carrera GT wird seit April letzten Jahres der Panamera in Leipzig gebaut.
Wer denkt, dass Leipzig als Automobilstadt erst nach der Wende Fahrt aufgenommen hat, täuscht sich. Vor genau 100 Jahren eröffnete hier eine der ersten Mercedes-Benz-Filialen Deutschlands. Heute ist Mercedes mit der größten Niederlassung in Ostdeutschland wieder in Leipzig präsent. Auch weitere große Automobilmarken sind hier vertreten und vergrößern ihre Standorte. So baut z.B. Volkswagen in den nächsten Jahren zwei neue Häuser mit einem Gesamtvolumen von 13 Mio. Euro. Audi eröffnete im Januar sein zweites Autohaus im Leipziger Norden mit 60 neuen Arbeitsplätzen. Ein wichtiger Pfeiler der Automobilstadt Leipzig ist die Messe Automobil International (AMI), die im April 2010 ihr 20jähriges Jubiläum feierte. Die Zeichen – zumindest in der Leipziger Automobilbranche – stehen auf Wachstum.
Anfahren, bremsen, vorwärts streben
Leipzig entdeckte seine Neigung zu bequemer Mobilität bereits vor über 100 Jahren. 1902 fand hier die erste wirklich große "Motorwagenausstellung" statt. Die Herstellung von Automobilen steckte damals in den Kinderschuhen. Produziert wurde mehr oder weniger noch in Manufakturen. Zur Industrie schaffte es die Branche erst mit der Einführung des Fließbands durch Henry Ford in den USA. Unter den Ausstellern, die 1902 in Leipzig um die Gunst des Publikums warben, war auch ein Einheimischer. Die Leipziger Fahrrad- und Motorwagenfabrik Carl Jubisch aus dem Stadtteil Schönefeld präsentierte einen Wagen mit Riemenantrieb. Ob er wirklich produziert wurde, lässt sich heute nicht mehr feststellen.
Gründerphase
Findige Unternehmer aus der größten sächsischen Industriestadt konnten sich auf eine Arbeiterschaft verlassen, die genügend Erfahrung mit der Herstellung mechanischer Apparaturen besaß. Dieses Wissen müsste doch auch für die Produktion von Motorwagen ausreichen, mögen sich die Chefs der Polyphon-Werke in Wahren gedacht haben, wo Musikapparate entstanden. Polymobil hieß 1904 der Erstling; es war ein Oldsmobile aus den USA, der hier in Lizenz gebaut wurde, und zwar mit einigen Verbesserungen für den deutschen Markt. Das Geschäft ließ sich gut an, und daraufhin gewann die aufstrebende Fabrik den findigen Konstrukteur Gustav Schürmann. Er schuf die DUX-Automobile, die erste Eigenentwicklung am Leipziger Autohimmel.
Das Auto lernt "laufen"
Autofabriken entstanden damals in fast jeder deutschen Industriestadt. In Markranstädt, wenige Kilometer von Leipzig entfernt, war es die Markranstädter Automobil-Fabrik MAF. Der Gründer Hugo Ruppe war ein Pionier des luftgekühlten Motors. Er brillierte außerdem mit dem kleinsten Vierzylinder, der damals auf dem Markt war. MAF und DUX – beide Marken gingen 1909 mit Personenwagen an den Start. Fünf Jahre später folgte der erste DUX-Lastwagen. Er gefiel dem Militär, ebenso wie die Pkw der Marke DUX, die im Ersten Weltkrieg allerdings als Sanitätswagen aus den Werkhallen rollten. Als endlich wieder Frieden war, glaubte gleich eine ganze Reihe Leipziger Unternehmer, mit Autos in eine Erfolgsspur einbiegen zu können. Markennamen der jungen Leipziger Autoindustrie kamen und gingen. Walter Loebel schuf 1919 einen dreirädrigen Einsitzer. Dieses „Walmobil“ wurde nicht alt. Görke-Kleinwagen folgten 1922 und bemühten sich ebenfalls um das „Bindeglied zwischen Motorrad und Auto.“
Kühne Versprechungen – saftige Preise
Die Sphinx-Automobilwerke im benachbarten Zwenkau bauten Kleinwagen ab 1921; sie hielten fünf Jahre durch. Die Lipsia-Automobilfabrik kam mit ihren 14 Arbeitern auf drei Produktionsjahre; die Inflation von 1923 traf den Hersteller ins Mark. Mittlerweile glaubte die Leipziger Pionier-Marke DUX in Richtung Luxus beschleunigen zu können. „Geräuschlose“ Wagen versprach die Werbung vor 90 Jahren. Das war kühn, und ein der Preis von 22.000 Mark ab 1924 für das Auto war es auch – dafür hätte ein Facharbeiter damals 15 Jahre arbeiten müssen. Der Verkauf der Produktionsstätten an die Chemnitzer Presto-Werke bewirkte keine dauerhafte Erholung. Die Fabrik in Leipzig-Wahren gelangte später zur NAG und spezialisierte sich auf leichte Lastwagen im Verbund mit Büssing in Braunschweig. Der Zweite Weltkrieg brachte ihr zunächst glänzende Geschäfte, dann aber schwere Zerstörungen der Werksanlagen und das vorübergehende Ende des Leipziger Automobilbaus. Ironie der Geschichte: Ganz verschwand die Motorisierung nicht von dem Werksgelände, wo einst Polymobil, DUX und NAG-Büssing das Laufen lernten. Als „Roter Stern“ diente das Werk bis 1991 in Diensten der Sowjetarmee der Reparatur von Lkw- und Panzermotoren.
Abgesandte der Bruderländer
45 „autolose“ Leipziger Jahre zwischen 1945 und 1990? Mitnichten. Die Leipziger Messe hielt Tuchfühlung zur internationalen Autoindustrie. Auch wenn sich der Wunsch nach dem eigenen Wagen damals für die meisten erst nach jahrelangem Warten erfüllte – in den Ausstellungshallen der Technischen Messe waren die begehrten Automobile so professionell ausgestellt, als müssten Kaufgelüste erst noch geweckt werden. Trabant und Wartburg genossen gewissermaßen ostdeutsches „Heimrecht.“ Skoda, Lada, Polski Fiat und Dacia waren die Abgesandten aus den „Bruderländern.“
Rege Ost-West-Kontakte
Was sich im automobilen Westen tat, wurde regelmäßig durch Mercedes-Benz präsentiert, ab den 1970er Jahren auch durch VW. Überhaupt haben unterschiedliche Marken immer mal wieder auf der Leipziger Messe getestet, ob sie denn nicht mit der in automobilen Angelegenheiten schwächelnden DDR ins Geschäft kommen könnten. So wie FIAT zum Beispiel. 1966 wagte Porsche einen Versuch mit einem „Elfer“ im feinen Lack der Autobahnpolizei – es kam zu einem Volksauflauf am Messestand. 1969 zeigte NSU in Leipzig den Ro 80 – das IFA-Kombinat liebäugelte vorübergehend mit dem Wankelmotor. Auch weit im Osten starteten die Motoren. Wer hatte vor 50 Jahren denn schon jemals einen PKW aus chinesischer Produktion gesehen? Einmal verschlug es einen lack-und chromglänzenden „Hongqi“ (Rote Fahne) nach Europa – natürlich auf die Leipziger Messe, im Frühjahr 1960.
Aufbruchsstimmung
Der wirtschaftliche und politische Umbruch im Osten Deutschlands bescherte dem Autothema nach langer Durststrecke besonders in Leipzig einen Frühling der Gefühle und Leidenschaften. Ab 1990 hieß das Messe-Motto Auto Mobil International – nun nicht mehr als reizende Show unerreichbarer Angebote, sondern im Gegenteil als willkommene Gelegenheit, um zu betrachten, zu vergleichen und – natürlich – zu kaufen. Dass der Wiederaufstieg der Leipziger Industrie ausgerechnet mit der Ansiedlung zweier besonders imageträchtiger Automarken – Porsche und BMW – begann und die Automobilproduktion nach mehr als einem halben Jahrhundert Unterbrechung in die Messestadt zurückkehrte, ist ein besonderer Vorteil. „Nichts ist unmöglich“ gilt seit 20 Jahren eben nicht nur als Werbeslogan einer der vielen Automarken, die damals in den Osten Deutschlands aufbrachen.
Werksführung BMW
Den spannenden Produktionsprozess eines BMWs können Besucher während einer Werkführung erleben, die von Einzelbesuchern und Gruppen gebucht werden können. Die Schwerpunkte der Führungen reichen von der Produktion über Architektur bis hin zu speziellen Kinderführungen. Alle Führungen finden an Produktionstagen von Montag bis Samstag statt. Werkführungsbuchungen unter www.bmw-werk-leipzig.de
GaraGe Technologiezentrum
Es befindet sich in Leipzig-Plagwitz und wird von der Porsche AG als einer der Gründersponsoren unterstützt. In einer modern eingerichteten Lehrwerkstatt mit einem echten 911 Turbo haben Schüler und Studenten die Möglichkeit, unter Anleitung eines Porsche-Mitarbeiters Einblicke in die aktuelle Entwicklung der Automobilindustrie zu bekommen. Die Faszination der Technik wird hautnah spürbar. Da Porsche in Leipzig auch jedes Jahr Auszubildende einstellt (Bewerbung für das Folgejahr immer bis Ende Oktober des aktuellen Jahres) kann man sich hier schon einmal ausprobieren. www.g-a-r-a-g-e.com und www.porsche-leipzig.com
Horch Museum Zwickau
Dort wo sich ab 1909 die „August Horch Automobilwerke GmbH“ befanden, wird heute auf 3.000 qm Zwickaus Automobilgeschichte dokumentiert. Fast alle 80 Großexponate und zahlreiche automobile Kleinobjekte wurden in Zwickau gebaut und sind durch beste Pflege heute noch fahrtüchtig! www.horch-museum.de
Volkswagen Sachsen GmbH
Hier befindet sich eines der modernsten Automobilwerke Europas – mit Presswerk, Karosseriebau, Lackiererei und Montagehallen. Täglich werden 1.200 Fahrzeuge der Modelle Passat und Golf produziert. Außerdem entstehen die Karosserien für den Phaeton und die Bentley Continental Baureihe. Ab Oktober 2010 werden wieder Werksbesichtigungen angeboten. www.volkswagen-sachsen.de
Automobilmanufaktur Dresden GmbH
Mit der Eröffnung der „Gläsernen Manufaktur“ von Volkswagen wurde 2001 die Idee einer transparenten Fahrzeugfertigung Wirklichkeit. Die Kombination aus Fertigungs- und Erlebniswelt ist weltweit einmalig. Der Besuch der Gläsernen Manufaktur ist mit einem geführten Rundgang verbunden. www.glaesernemanufaktur.de
Sächsisches Industriemuseum
Es gehört zu den 50 wichtigsten Industriemuseen Europas und stellt die Industrialisierung Sachsens seit dem späten 18. Jh. dar. Ein Höhepunkt ist die Darstellung des deutschen Präzisionsmaschinenbaus und der damit verbundene sächsische Motorrad- und Automobilbau. www.saechsisches-industriemuseum.de
Autoren: Volker Bremer (Geschäftsführer LTM), Burghard Jung (Oberbürgermeister Leipzig) Helge-Heinz Heinker und das Redaktionsteam unter der Leitung von Andreas Schmidt (Leiter Presse & Öffentlichkeitsarbeit LTM) Textbearbeitung: Renato Diekmann, Fotos: AMI/Messe Leipzig (1), LTM/Dirk Brzoska (10), Renato Diekmann (2), Saxonia Tourismus Leipzig GmbH (1), Horch Museum Zwickau (1), Verkehrsmuseum Dresden/Martina Richter (1)

zurück
Seite drucken