Wo der Kaiser baden ging
Die Badewanne Berlins
Der Mix aus Sonne, Wind, frischer See- und Waldluft macht die Insel Usedom so reizvoll. Die Küstenlandschaft zwischen Ostsee und vorpommerschen Bodden zählt zu den schönsten Regionen Deutschlands. Mit 40 Kilometer langen und bis zu 70 Meter breiten Stränden, verspricht die idyllische Natur Ruhe und Erholung. Besonders beeindruckt die Eleganz der mondänen Seebäderarchitektur. Sie allein ist schon eine Reise wert, säumt Straßen, Wege und die längste zusammenhängende Strandpromenade Europas. Auf den Spuren Kaiser Wilhelms begegne ich der Geschichte bis zur Moderne, die Neues schafft und Historisches bewahrt: moderne Hotels hinter Wilhelminischen Fassaden und historische Villen in (neo)klassizistischem Stil, imposante, weit ins Meer reichende Seebrücken und verlockende Freizeitangebote.
Prominente Gäste
Bereits im 19. Jahrhundert zog es prominente Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur nach Heringsdorf. In den Sommerresidenzen genossen die Herrschaften die frische Meeresbrise, geschützt vor der Sonne, denn der blasse Teint war Mode. Vor der Kulisse dieser prachtvollen Gebäude lässt sich erahnen, wie es zu Zeiten der Sommerfrischler zuging; als Vierspänner über die Kiesauffahhrt knirschten, behütete Damen den Kutschen entstiegen, und Herren mit Spazierstock und Bowler galant der holden Weiblichkeit den Arm reichten. Offene Veranden garantierten das „Sehen und Gesehen werden“. Und als besonders chic und erholsam galt es, sich in vornehmer Gesellschaft auf den gepflegten Promenaden zu zeigen, geblendet vom Glanz der Palais inmitten blühender Gärten und gediegener Parkanlagen. Heute, beim Betrachten der Marmorsäulen, der breiten Treppenportale, der Stuck verzieren Loggien und filigranen Erker begegne ich dem Flair dieser Epoche neu und erfreue mich an der liebevoll restaurierten Bäderarchitektur, in deren nostalgischem Ambiente man zeit- und standesgemäß urlauben kann wie einst Kaiser Wilhelm, Otto von Bismarck, Lyonel Feininger, Theodor Fontane oder die Gebrüder Mann.
Sommerresidenz
Meine Lieblingsvilla verbirgt sich mit zurückhaltender Eleganz unter hohen Bäumen. Die durch Kiefern und Linden beschattete Promenade vom Strand getrennte „Villa Augusta“ gehört zu den elegantesten neoklassizistischen Bauten in Heringsdorf. In einem blühenden Garten liegt der mit weißen Segeln geschützte Eingang der Rezeption des charmanten Hotels, wo man mich mit einem Erfrischungsdrink willkommen heißt. Im mannshohen Vogelkäfig neben mir zwitschern Zebrafinken. Lobby und Bibliothek sind besonders heimelig eingerichtet, laden ein zum Schmökern und Verweilen, erst recht an regnerischen, kalten Tagen, wenn der antike, reich verzierte Eisenofen leise vor sich hin bollert und behagliche Wärme verströmt.
Charmante Gastlichkeit
Es sind die vielen kleinen und liebevoll gestalteten Details, die den Aufenthalt in der „Villa Augusta“ zu einem unvergesslichen Erlebnis werden lassen. Auffallend hübsch sind die nostalgischen Leselampen, die mit Rosen drapierten Kuschelbetten, die fein abgestimmten Farbtöne der Sitzbezüge und die geschmackvollen Möbel aus Kirschholz vor den gelb gewischten Wänden. Ob Sie ein Zimmer zur Park- oder Seeseite mit Veranda wählen oder im Haus nebenan im Appartement logieren – jeder einzelne Raum vermittelt den Charme dieses gastlichen Hauses. Auch Bundespräsident Horst Köhler war hier schon einmal zu Gast und schätzt das Schmuckstück an Usedoms Strandpromenade.
Villa mit wechselvoller Geschichte
Das geschichtsträchtige Gebäude liegt in einem parkähnlichen Garten. Im Rasengrün bilden Rosenstöcke und bunte Blumenrabatten farbenfrohe Oasen. 1889 ließ ein erfolgreicher Pelz- und Weinhändler die Villa für seine Frau Auguste als Sommerresidenz errichten – eine der ersten aus Stein gebauten Villen in Heringsdorf. Gewöhnlichen Urlaubsgästen standen zur damaligen Zeit nur die aus Holz gefertigten Logierhäuser entlang der Strandpromenade in Richtung Ahlbeck zur Verfügung. In den Wirren des Zweiten Weltkrieges diente die Villa deutschen Offizieren und Wissenschaftlern aus der nahe gelegenen Heeresversuchsanstalt Peenemünde als Unterkunft. Nach 1945 nutzten erst sowjetische Besatzer das Haus als Sanatorium für den Generalstab der Roten Armee, später der vom Gewerkschaftsbund FDGB organisierte Feriendienst der DDR auf Usedom.
Restaurant im Gartenpavillon
Gefrühstückt und gespeist wird im gläsernen Gartenpavillon. Der Küchen- und Restaurantchef bringt bodenständige, preiswerte Gerichte aus frischen Zutaten der Region auf die Teller. Der Fisch kommt aus Ostsee und heimischen Gewässern, das Fleisch von Wiesen und Feldern der Umgebung. Empfehlenswert sind die Riesengarnelen in Knoblauch soutiert mit Rosmarinkartoffeln und mediterranem Salat oder die gebratene Hähnchenbrust mit Pfirsich-Käsesauce und Kartoffelgratin.
Text & Fotos: Renato Diekmann

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