Kein schöner Land

Tour de Natur

Lust auf Neuland

Die innere Uhr ist noch auf Alltag programmiert und weckt mich kurz vor sechs Uhr dreißig. Augen zu, Decke über den Kopf ziehen und weiterschlafen – das sind die ersten Gedanken. Doch Vogelgezwitscher und Neugier locken ans Fenster. Nur Frühaufsteher werden mit diesem prächtigen Schauspiel am Morgen belohnt: Aus dem Nebel der Flussniederung schwingt sich ein Fischreiher über feuchte Rieselwiesen empor zum sattgrünen Mischwald, Rotwild springt durch frisches Gras, vom hohen Nest setzt ein Storch zum Beuteflug an. Amsel, Drossel, Fink und Star singen, was die Kehlen hergeben. Die Milde der aufgehenden Sonne hüllt die wenigen Häuser des Ortes aus Fachwerk und Schiefer in goldenes Licht. Ein derart stimmungsvoller Ausblick macht Lust auf das Siegerland-Wittgenstein.

Spurensuche

Vom reichhaltigen Frühstück gestärkt, geht es zu Fuß hinauf über den Siegerländer Höhenring zum Rothaarsteig, Deutschlands beliebtesten Wanderweg. Von der Wasserscheide bei Burbach führt er durch romantische Täler über waldreiche, stille Pfade zu erlebnisreichen Zeitzeugen der Siegerländer Kulturgeschichte. Erste Station ist das Volkskundliche Museum in Wilnsdorf. Wer Vergessenes wiederentdecken, Altes neu oder Neues erstmals erfahren möchte, hat Gelegenheit, hier auf Spurensuche zu gehen. Es gewährt Einblick in vergangene Jahrhunderte und lässt erahnen, wie hart das Leben der Bevölkerung seinerzeit gewesen sein muss.

Bodenständige Menschen  

Siegerländer und Wittgensteiner – eine Mischung aus Franken, Kelten und Sachsen – sind mit dem Wald aufgewachsen und mit dem Bergbau untrennbar verbunden. 2600 Jahre lang wurden hier Holz, Erze und Schiefer abgebaut. Aus dem Holz gewannen Köhler ihre Holzkohle, die für das Schmieden der Schwerter und Rüstungen dringend benötigt wurde. Viele Jahrhunderte lang brannten auf dem Rothaarkamm die Kohlenmeiler, und entlang der Bäche und Flüsse entstanden Poch- und Hammerwerke. Schnell waren Land-, Wald- und Wiesenwirtschaft, Transport, Erziehung und Städtebau durch die Gewinnung und Verarbeitung von Erz und Holz geprägt.

Im Kreislauf der Natur

Die Bewohner lebten bescheiden, aber einfallsreich und fleißig von der Haubergswirtschaft, die nur sehr entfernt etwas mit Broterwerb im Handumdrehen zu tun hatte. Ständig besorgt, dass die zunehmende Verhüttung des Eisenerzes und der wachsende Holzkohlebedarf auf Dauer für den Lebensunterhalt nicht ausreichen könnte, begrenzte man die Ausbeute aller vorhandenen Ressourcen und reglementierte unter strenger Aufsicht die Gewinnung lebenswichtiger Güter im wiederkehrenden Zyklus von 18 Jahren auf ein und derselben Bodenfläche. Kein Jota Land wurde vergeudet, kein Zweig und kein Ast sinnlos verbrannt, alles wurde verwertet im Kreislauf der Natur. Holz sammeln, Schanzen, also Reisig binden, Stock schlagen (Baum fällen), Eichloh (Rinde) schälen, Rasen roden, Buchweizen und Roggen aussäen, Ginster stellen und Rinder weiden – der Hauberg war Gemeinschaftsgut und ernährte jeden, so lange ihn jeder ökonomisch und sinnvoll zu nutzen verstand.

Kommunikationszentrum

Backhaus und Kartoffelfeste bezeugen noch heute diese gelebte Gemeinschaft. Jahrhunderte lang gehörte das „Backes“ im Siegerland zu den zentralen Einrichtungen des Alltags, das in keinem Ort fehlen durfte, und als wichtiges Informations- und Kommunikationszentrum lebhaft frequentiert wurde. Laut Verordnung musste das „Backes“ an feuerfreien Stellen errichtet werden und ist deshalb stets an Wasserläufen, kleinen Seen und Teichen zu finden.

Wenn gefeiert wird, tischt die Gemeinde rund um das traditionelle Backhaus „Seejerlänner Riewekooche“ und „Ajjerkäs“ auf. Lecker schmecken auch Geschnetzeltes vom Erndtebrücker Weidelamm oder die Wittgensteiner Bauernpfanne mit Bratkartoffeln und Speck, Zwiebeln und Butterschmalz. Dazu gibt es ofenwarmes Schanzenbrot aus dem „Backes“ und ein frisch gezapftes Krombacher vom Fass. 

Shootingstar

Wandern und Radfahren in frischer Luft und intakter Natur findet immer mehr Freunde. Der 154 Kilometer lange Rothaarsteig mit bis zu 840 Meter hohen Bergen ist der Shootingstar unter den Wander- und Radwanderwegen in Deutschland. Er führt von Burbach im südlichen Westfalen bis in den westfälischen Norden nach Brilon/Wald durch schöne Mischwälder, in denen das Sonnenlicht sanft die Blätter umspielt, und passt haargenau in die abwechslungsreiche Mittelgebirgslandschaft. Entlang des Wanderweges haben sich viele Gastronomen auf die Rucksacktouristen eingestellt. Niemand muss sich heute noch mit lästigem Gepäck abquälen. Shuttlebusse holen die Wanderer am Abend von ihren Tageszielen ab oder bringen sie am nächsten Morgen zum gewünschten Ausgangspunkt. Eder, Lahn und Sieg lassen sich von der Quelle bis zur Mündung bestens erwandern oder mit dem Rad erkunden. Das Gebiet um das Quellentrio ist einzigartig, denn bis heute hat es sich viel von seiner Ursprünglichkeit und Unberührtheit bewahrt. Wander- und Naturfreunde wissen das. Und für Neulinge gibt es hilfreiche Wegweiser und ausführliche Beschreibungen.

Während meiner zauberhaften Wandertour besichtige ich in Rödgen die deutschlandweit einzige Simultankirche. Das Gotteshaus mit dem Doppelschiff ist einmalig. Das rechte Schiff nimmt Katholiken auf, das linke Protestanten. Vom viereckigen Turm, der von beiden Konfessionen simultan genutzt wird, genieße ich den weiten Blick ins Land.

> weiter geht es in Teil 2 "Fachwerk, Rubens & Landluft"

tvsw-logo.jpg vom 30.03.2009

 

Text: Renato Diekmann, Quelle: TVSW, Fotos: R. Diekmann (14), K.P. Kappest, K.-H. Schlabach, Landkreis Siegen-Wittgenstein