Kein schöner Land / 156-Badische Lebensart

Badische Lebensart_1

Viel vor und viel dahinter

Der Mann im blauen Klempner-Overall ist Hotelier! Mit geschickten Händen und viel Phantasie treibt Siegfried Weber die Entwicklung seines elterlichen Betriebes voran. Hinter der gutbürgerlichen Fassade des „Hotel Kübler“ in der Bismarckstraße von Karlsruhe offenbart sich dem staunenden Publikum unverhofft die architektonische Traumlandschaft „Allvitalis“. Die Gäste wohnen mitten in der Stadt unter moosgrünen Dächern, in riesigen Köpfen, drehbaren Türmen und skurrilen Fabelwesen, die an die surrealistische Welt von Gaudi und Hundertwasser erinnern. Demnächst will der Technikfreak seinen Gästen sogar Service-Roboter zur Seite stellen, die Minibars überflüssig machen und frisch gezapftes Bier vom hauseigenen Brauhaus aufs Zimmer bringen.

Die Stadt der kurzen Wege

In Karlsruhe paart sich badische Lebensart mit frischem Erfindungsgeist. In der Stadt der kurzen Wege, die sich um die Schlossresidenz zirkelartig auffächert, lässt sich gut arbeiten, lernen, forschen und leben. Man schätzt die gemütlichen Biergärten, Straßencafés und großzügigen Parkanlagen. Auf den grünen Rheinwiesen genießen Jugendliche unter südlicher Sonne Brie, Baguette und Bordeaux. Frankreich liegt auf der anderen Seite des Flusses und lässt schön grüßen! Schon vor der Bewerbung als  Europäische Kulturhauptstadt wehte in der Fächerstadt ein frischer Wind. Eine besondere Adresse für Freunde der Kultur und Kommunikation ist die Majolika-Manufaktur. Sie liegt idyllisch im Hardtwald und wurde 1901 auf Betreiben des Malers Hans Thoma als Großherzoglicher Betrieb gegründet. Ausstellung, Kasino und Werkstatt für die Herstellung von kunstvoll gefertigten Fliesen, Tellern, Vasen, Garten- und Baukeramik bilden heute eine ästhetische Verbindung von der Manufaktur zum Schlossturm und beherbergen anerkannte Künstler wie Karl Hubbach, Colani und Lüpertz.

Preiswertes Studentenleben

Dank der großen Anzahl an Studenten ist Karlsruhe beileibe kein teures Pflaster. Es gibt preiswerten Wohnraum und vielfältige Lokale, die mit ihren Preisen jeder Mensa Konkurrenz machen. Unschlagbar günstig ist die „Kippe“; und im „ZKM“ oder „Café Bleu“ genügen schon acht Euro für ein schmackhaftes Essen. Wahrzeichen und beliebter Treffpunkt der Stadt ist die „Hoepfner Burg“, die über Pfingsten mit dem „Burgfest“ mehr als 30.000 Gäste anlockt. Die Traditionsbrauerei wurde 1898 erbaut, hat Restaurant, Hotel und einen Biergarten mit mehr als 1.000 Plätzen. Unter schattigen Bäumen und in nostalgischen Räumen mit Holzvertäfelung, Wandmalereien, Säulen und Bögen gibt es süffiges Bier zu herzhafter Kost. Bei Hopfen und Malz lässt sich trefflich streiten, ob Karlsruhe nun vielseitig oder einmalig ist. Auf jeden Fall gilt die badische Stadt als Internet-Metropole, seitdem Unternehmen wie 1&1, Denic und Web.de  tausende User erobert haben.

Barocke (Ver)Führung

In der Barockresidenz Rastatt empfangen Kammerdiener Johann Hofer und Monsieur Francois die Gäste mit perlendem Champagner. Unter gepuderten Perrücken und in feine goldbestickte Gewänder gehüllt, geben die „Kulturreferenten“ Thomas Angelou und Uwe Reich Einblick in das Alltagsleben der Schlossbewohner aus der Zeit des 18. Jahrhunderts. Bei klassischer Musik geht es die breiten Stufen zur Belétage empor, wo der gefeierte Held der Türkenkriege, „Türkenlouis“ Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden-Baden, mit seiner Gemahlin Sibylla Augusta in prunkvollen Gemächern Hof hielt. Das Zeitalter des Barock war geprägt von der Persönlichkeit des Sonnenkönigs Ludwig XIV. Wer als Adliger auf sich hielt, erschuf sein eigenes kleines Versailles. Unter der Macht der absolutistischen Fürsten galten Staat, Kunst und Kultur als Einheit, wurden die Werke von Malern, Architekten und Komponisten zielgerichtet als Ausdrucksmittel politischer Propaganda, Größe und Reichtum eingesetzt.

Illustre Gesellschaft

Anschaulich plaudern die Diener aus dem Nähkästchen. Mit französischem Akzent klatschen sie über die Unpässlichkeiten der illustren Hofgesellschaft, parlieren genüsslich über Mode und die Rolle der Frau, verraten hinter vorgehaltenem Seidenfächer Pikantes über Körperpflege und Hygiene, denn anno 1714 gab es weder Dusche noch WC. Der kulinarische Genuss war besonders sinnlich geprägt und ein Fest für Auge und Gaumen. Aus der bloßen Nahrungsaufnahme wurde ein raffiniert inszeniertes Tafelzeremoniell. Der Anblick der fürstlich gedeckten Tafel im festlich geschmückten Prunksaal steigerte den Appetit. Unvorstellbare Mengen an Suppen, Fleisch-, Fisch- und Zwischengerichten, Mehl- und Süßspeisen füllten die Bäuche der  "dekadenten" Gesellschaft, die sich von früh bis spät (oftmals auch aus Langeweile) großzügig verwöhnen und prächtig unterhalten ließ.

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Text: Renato Diekmann, Fotos: TV Karlsruhe, kmkg, Siegfried Weber/Allvitalis, Kunstagentur Belétage, Dürrschnabel, Manecke, Adrian Michael.