Kein schöner Land

Sachsens Klein Paris

Reich an Mut

Man muss kein Sachse sein, um Leipzig zu lieben. Die Bürger der Metropole an Pleiße und Weißer Elster gelten als besonders couragiert. Mit Friedensgebeten in der Nikolaikirche und Montagsdemonstrationen auf dem Leipziger Ring jagten sie 1989 die Diktatur der SED zum Teufel. Die friedliche Revolution war der Ausgangspunkt für die einst vom Westen längst abgeschriebene Wiedervereinigung Deutschlands. Noch heute ist dieser zivile Ungehorsam das religöse, soziale und gesellschaftspolitische Fundament für alle hier lebenden Menschen, die durch ihre unerschrockene Haltung viel an Lebensfreude und –qualität, vor allem aber ihre hart erkämpfte Leipziger Freiheit, zurück gewonnen haben.

Reich an Genies

Wen wundert's bei so viel Freigeist und kreativen Vorbildern? Johann-Sebastian Bach, Richard Wagner, Felix Mendelssohn-Bartholdy, Robert und Clara Schumann, Gustav Mahler und Georg Philipp Telemann lebten und wirkten hier - mit viel Einfluss auf die Leipziger Gesellschaft. Man braucht nur der „Leipziger Notenspur“ zu Fuß durch die Innenstadt folgen, und schon sind die musikalischen Koryphäen wieder allgegenwärtig.

Imposante Stadtentwicklung

Ob Thomas-Kirche oder Bach-Museum, Edvard Grieg-Gedenkstätte oder Goethes Stamm-Café „Zum Arabischen Coffe Baum“, ob Messezentrum, BMW oder Porsche – wer Sachsens Wirtschafts- und Kulturmetropole besucht, wird überrascht sein von ihrer imposanten Entwicklung. Die liebevoll und mit viel Geld restaurierten Wohn- und Handelshäuser, Messehöfe und Passagen erstrahlen im neuen Glanz. Ihre barocke und jugendstiltypische Architektur vermittelt mediterranes Flair wie in den historischen Geschäftspassagen von Mailand, Venedig und Rom. Im Gespräch ist vor allem das sorgfältig renovierte Waldstraßenviertel. Es gilt als eines der repräsentativsten Wohngebiete der Stadt. Der filigrane Stuck an den Fassaden der herrschaftlichen Altbauten aus der Gründerzeit zeugt vom Repräsentationsbedürfnis der damaligen Stadtväter und wohlhabenden Bürger zum Ende des 19. Jahrhunderts.

Mädler Passage und Auerbachs Keller

Das ganze Jahr über zeigt Leipzig mit vielseitigen Kultur- und Freizeitangeboten seine bemerkenswerte Anziehungskraft. „Wie in Italien!“, schwärmen Gäste, die zur Sommerzeit die größte Stadt Sachsens bereisen. Dann verwandelt sich der Marktplatz zwischen Gewandhaus, Oper und Thomaskirche in ein Freilichttheater – zu „Classic Open“ wird gefeiert, gemodelt und gerockt. Hier treffen Elvis auf Mozart und Robbie Williams auf Johann Strauß. In der Mädler Passage, seit Jahrhunderten das Filetstück der Stadt, kommunizieren Gäste aus ganz Europa. An lauen Sommerabenden lauschen sie zu Cappuccino und Pinot Grigio den Darbietungen der Straßenkünstler. Heute erklingen klassische Klängen eines Quintetts aus Lettland. Erst gestern sind die fünf lettischen Studenten in Leipzig eingetroffen. Jetzt bessern sie ihre Reisekasse mit musikalischen Ständchen auf. Unter ihren Füßen befindet sich Auerbachs Keller. Der Sage nach soll hier Goethes Dr. Faustus mit Bravour seinen legendären Fassritt absolviert haben.

Mutzbraten und Quarkkeulchen

Die stilvoll, teilweise mit bunten Ornamenten verzierten Passagen unter gewölbten Glaskuppeln beherbergen verlockende Erlebnis-Gastronomie und vielseitige Shoppingangebote. Ob im Specks Hof und Steibs Hof – hier kann jeder abschalten, entspannen, vorzüglich einkaufen und speisen. Im Barthels Hof serviert das gleichnamige Gasthaus den deftigsten Schmaus der Stadt. Der Mutzbraten mit grünen Klößen hat Tradition seit 1497. Das schmackhafte Menü besteht aus einer delikaten Kartoffelsuppe, einem raffiniert gewürzten Schweinenacken mit allerlei Zutaten und leckeren Quarkkeulchen auf Apfelsoße mit Zucker und Zimt zum Dessert.

Heißsporn Goethe

Vis á Vis der Passage glänzt das Alte Rathaus. In dem ehrwürdigen Renaissancegebäude lässt sich die Geschichte Leipzigs bis ins Detail nachvollziehen, während Goethe nebenan vor der Alten Handelsbörse am Naschmarkt noch immer über die Geschicke der Stadt zu wachen scheint. Bevor der Schöngeist dem Ruf seines Gönners, Carl August Herzog von Weimar, folgte und Weimar zur deutschen Hochburg für Dichter und Denker machte, studierte Goethe an der Uni Leipzig Jura. Dort lauschte der Hesse aus Frankfurt gebannt den Literatur-Vorlesungen der Professoren Gottsched und Gellert, nahm bei Adam Friedrich Queser Zeichenunterricht und widmete sich schließlich nur noch der Dichtkunst. Die älteste deutsche Messestadt, die im Geiste des Rokoko eine viel modernere Atmosphäre ausstrahlte als das konservative Frankfurt am Main, beeindruckte Goethe so nachhaltig, dass er Leipzig, die Stadt des Buches, der Pelze, Caféhäuser und Ballsäle liebevoll sein „Klein-Paris“ nannte. In seine Leipziger Zeit fällt auch Goethes erste große Liebe, Käthe Schönkopf. Sie hatte dem Heißsporn mit verführerischen Blicken gehörig den Kopf verdreht. Die attraktive Tochter der Wirtsleute einer Gose-Schänke machte Goethe so an, dass er dort täglich zu Mittag aß, um sie nicht aus den Augen zu verlieren.

Weiter gehts in Teil 2 "Leipziger Vielfalt"

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notenspur-banner.gif vom 28.05.2009

Text: Renato Diekmann, Fotos: Renato Diekmann, LTM (Broska, Kühn, Jungnickel, Schmidt)