Kein schöner Land

In Baabe den Alltag vergessen

Die Seele baumeln lassen

Wenn ich die Seele baumeln lassen will, fahre ich nach Baabe auf Rügen und erhole mich im Solthus am See. Ich setze mich vor das weiße reetgedeckte Haus am Bollwerk der Baaber Rinne und betrachte andächtig die Schönheit der Natur, die nichts von ihrem Charme verloren hat. Die ursprüngliche Landschaft hat sich kaum verändert. Sie liegt südöstlich zwischen Ostsee und Greifswalder Bodden auf der Halbinsel Mönchgut und ist im Wechsel von Naturgewalt und harter menschlicher Arbeit entstanden. Saftige Salzwiesen in hügeliger Moorlandschaft und schattige Wälder rund um die Baaber Heide bezeugen die Vielfalt der Naturbiotope mit seltenen Gehölzen wie Eiben, Zypressen, Ginkgos, Sitka-Fichten und immergrüne Stechpalmen. Die beeindruckenden Bilder von uralten Alleen, reetgedeckten Fischerdörfern, zerklüfteten Steilküsten, gelben Lehmufern, kilometerlangen Nehrungen, die Weite und der Wind der Ostsee prägen den stillen, "verschlossenen" Charakter der hier lebenden Menschen. Wer sie näher kennen lernen und verstehen will, muss das Tempo drosseln und sich Zeit nehmen.

 

 

 

 

Dorsch und Hering für die Gäste

Früher lebten die Mönchguter abgeschieden von der Außenwelt unter dem strengen Einfluss der Zisterziensermönche des Klosters Eldena bei Greifswald und verdingten sich als Bauern und Fischer. Seit Dorsch und Ackerbau kaum noch Geld einbringen, setzen die Bewohner mehr auf Touristen. Um ihnen eine außergewöhnlich schöne Unterkunft zu bieten, entstand das kleine und charmante Hotel Solthus am See; ein ehemaliges Lager und Speicherhaus für steuerfreies Salz, in das die Fischer ihren frisch gefangenen Boddenhering einlegten, um ihn haltbar zu machen. Pünktlich wie immer tuckert das schlichte Holzboot des Fischers über das ruhige Gewässer der aufgehenden Sonne entgegen. Samt seinen Reusen entschwindet er im Dunst des Nebels, der sich im Licht der Dämmerung über Selliner See und Boddenlandschaft nur langsam auflöst und einen vom Wind gebeugten Schilfgürtel freigibt, in dessen Schutz Rohrdommeln, Kraniche und saphirgefiederte Eisvögel nisten.

 

In der Hektik des Alltags würde mir das hier alles entgegen, denke ich und betrachte versonnen die windgeblähten dunkelroten Segel eines historischen Zesenbootes, das soeben die Baaber Rinne passiert. Allzu gerne nutzen Freizeitkapitäne den Service vom Solthus mit separatem Sanitärbereich für Segler. Sie holen morgens knackfrische Brötchen an Bord oder genießen das reichhaltige Frühstücksbuffet auf der Sonnenterrasse des kleinen Hotels.

 

 

Den Alltag vergessen

Das Solthus, das wegen seiner traditionellen Fischgerichte aus Bodden und Ostsee schon zu DDR-Zeiten als Gasthof sehr beliebt war und 1998 zum Hotel umgebaut wurde, fügt sich nahtlos ein in die intakte Natur, erinnert mit seinem geschwungenen Reetdach an Woge und Welle des rauschenden Meeres.

 

Beim Vergessen des Alltags ist Frank Gareis behilflich. Obwohl er das kleine Hotel verantwortlich führt, nennt er sich bescheiden Empfangschef. Der Hotelier aus Sellin kümmert sich rührend um jeden Gast, der den persönlichen Service zu schätzen weiß und deshalb gerne wiederkommt. Gareis trägt die Koffer des Gastes aufs Zimmer, holt das Fahrrad aus dem Schuppen und gibt wertvolle Tipps für die Freizeitgestaltung. Auf den gut ausgeschilderten Rad- und Wanderwegen lässt sich die Umgebung bis zur Fürstenstadt Putbus entdecken, die architektonische Pracht der renovierten Ostseebäder Binz, Baabe Göhren und Sellin mit der der prachtvollen, einzigartigen Seebrücke bewundern und die unter Naturschutz stehende Landzunge Reddevitzer Höft in Ruhe genießen. Pedalritter und Wanderfreunde haben von hier aus einen herrlichen Blick über Rügen bis zum Jagdschloss Granitz.

 

 

Zimmer mit Aussicht

In den 39 Zimmern und Suiten des Solthus lässt es sich angenehm wohnen. Alle Räume sind gemütlich eingerichtet und mit einem blauen Teppich mit kleinen weißen Blumen-Ornamenten ausgelegt. Warme rötliche Farben unterstreichen das ländliche Ambiente, flauschige Betten und bequeme Sitzmöbel garantieren behaglichen Urlaub. Balkon oder Terrasse bieten freie Sicht auf Bodden, Having und Selliner See mit Blick auf das hölzerne Ruderboot, in dem der Fährmann in Latzhose und geringeltem Hemd schwitzt. Für wenige Cent pro Fahrt und Personen befördert er Passagiere samt Fahrrädern zwischen Moritzdorf und Baaber Bollwerk hin und her. Auf Kundschaft wartet zudem das blau-weiß lackierte Motorschiff „Lamara“, das von April bis Oktober täglich für schaulustige Besucher die Insel Vilm im Greifswalder Bodden umschifft.

 

 

Pure Verführung

Wem das Ostseewasser zu kalt ist, taucht ab in den gepflegten Wellnessbereich, wo finnische Sauna, Dampfbad, Tecaldarium, Sonnenbank und Kosmetiksalon, Massagen und umfangreiche Packungen Körper und Seele streicheln. Besonders erquickend ist das glasüberdachte Schwimmbad mit Gegenstromanlage und Panoramablick auf die umliegende Heide- und Boddenlandschaft.

 

Obwohl die Region kulinarisch teilweise noch in den Kinderschuhen steckt, schmeckt das Essen im Solthus vorzüglich. Bereichert durch Inspirationen fremder Länder, verwendet die Küche nur frische Produkte aus der Ostsee und von der Küstenlandschaft. Die kreativen Köche zaubern fangfrischen Dorsch mit Speckkartoffeln und Mecklenburgischen Rippenbraten mit Backpflaumen ebenso gekonnt auf die Teller wie die delikaten Flusskrebse in Tomatengelee auf Kräutern und Gurkensauerrahm oder die gefüllte Wachtelbrust im Baumkuchenmantel mit Spitzkohl und getrüffelter Kartoffel-Remouladen-Créme. Um den Gaumen restlos zu verwöhnen, lädt Hotelchef Frank Gareis zwei Mal im Jahr zum 6-Gänge-Menü. Dann entführen im Wechsel Küchenmeister aus Deutschland den Gast zu einer kulinarischen Reise in europäische Gourmet-Regionen, begleitet von korrespondierenden Weinen.

 

Nach dem Schlemmen bleibt noch Zeit für einen „Absacker“ am offenen Kamin in der gemütlichen Bibliothek. Nicht nur zur Sommerzeit bietet Rügen einmalige Naturschönheiten, und so freue ich mich schon jetzt auf den goldenen Herbst, die klare Wintersonne und die züngelnden Flammen, die sich im Kamin unermüdlich durch das Holzscheit fressen werden. Land und Wasser befinden sich im steten Wandel der Jahreszeiten. Gerade darin besteht der Charme und Reiz dieser traumhaften Insel mit ihrer vielfältigen Landschaft.

 

 

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Text & Fotos: Renato Diekmann