Kunst kommt / 172-Lebensbäume

Lebensbäume_1

Bäume

Es sind einfach nur Bäume. Aber wann wären Bäume einfach nur Bäume gewesen? Im Spiel zwischen Natur und Phantasie waren sie schon immer elementare Träger menschlicher Kultur in all ihren Facetten. Schon immer haben sie das Leben der Menschen begleitet und ihre Phantasie beflügelt. Ihre Rolle ist groß und einzigartig – nicht nur, weil es die Früchte eines Apfelbaumes waren, deren Symbolkraft dazu auserkoren wurde, die Vertreibung des Menschen aus dem Paradies zu beschreiben. Nicht nur, weil Buddha seine Erleuchtung unter einer Pappelfeige hatte, heute bekannt als „Bodhi-Baum“, „Baum der Erleuchtung“.

Bäume bedeuten Leben

Sie produzieren den Sauerstoff, den wir Menschen zum Leben brauchen und benötigen dafür unsere verbrauchte Atemluft. In der Natur scheinbar kein schlechter Tausch. Dieses gegenseitige Geben und Nehmen, dieses ineinander Aufgehen, ist Teil der Menschen im Alltag, ob es ihnen bewusst ist oder nicht. Wir leben mit Bäumen und die Bäume mit uns. Bäume sind unsere Begleiter, Bäume bieten Schutz – ob unter ihrem grünen „Dach“ oder als Baustoff,  Bäume lassen Blüten wachsen, Bäume tragen Früchte, Symbole für Leben und Vergehen – über und unter der Erde. Sie sind Rohstoff und „Traumstoff“ zugleich.

Wo ein Zauber innewohnt

Ja, es gibt Bäume von denen wir träumen, weil sie uns an erlebtes Glück erinnern. Ja, es gibt Bäume, deren Erscheinen in unseren Träumen uns ewige Rätsel aufgibt.  Immer aber nehmen sie uns mit auf die gedankliche Reise durch gelebtes Leben, holen Erinnerungen hervor im Guten und im Bösen.

Meine ersten Erinnerungen an überhaupt einen Baum habe ich aus frühester Jugend. In meiner kleinen Stadt gab es eine besondere Trauerweide. Ich liebte diesen Platz. Er war nicht weit entfernt von unserer Wohnung und umweht von einem seltsamen Zauber.

Diese alte, sehr alte, Trauerweide stand in einem kleinen Park, der wohl sehr viel früher ein hochherrschaftlicher Garten hätte gewesen sein können. So wie er angelegt war, passte er als öffentlicher Platz jedenfalls nicht in dieses kleine Städtchen. Er war wie ein großes Geschenk.

Die „Geschenkschleife“ war eine runde Bank, die den Stamm der Trauerweide ganz umschloss. Saß ich auf der Bank, dann versank ich hinter den herabhängenden gewaltigen Ästen und ihrem hängenden Grün hinter Kaskaden von Laub, die auf mich wirkten wie ein Wasserfall. Sich vorzustellen, dass es einen Wasserfall aus Laub geben könnte, alleine das war wunderbar.

Wunderbare Plätze

Ein wunderbarer Platz also, um sich zu verstecken. Ein wunderbarer Platz auch, um zu träumen und sich in schöne harmonische Welten zu spinnen.

Gärten und Parks mit großen alten Bäumen sind solche Plätze. Sie sind Seelenplätze. Sie verletzen deine Seele nicht. Sie heilen deine Seele. Jedes Mal heilen sie sie ein Stückchen, als verrichteten sie eine Arbeit, gerne und mit Freude. Wenn ich mit Tränen unter die Zweige der Trauerweide kam, ging ich getröstet wieder fort.

Was wäre geschehen ohne diesen Baum? Was wäre geschehen ohne diesen Platz? Was wäre geschehen ohne die Möglichkeit, sich auf die Bank zu legen, die kleinen Beine lang zu machen, und zwischen den herabhängenden grünen Zweigen in den Himmel zu blinzeln? Ist es der eigentliche Sinn großer mächtiger Bäume, kleine schwache Menschen zu trösten? Wichtig war nur, dass dieser Baum da stand. Er war einfach da. Er hatte diese Kraft, mit der er sich einen ewigen Platz in meinem Leben und in meiner Erinnerung eroberte.

Es blieb das Gefühl, dass es gut ist, solche Plätze unter Bäumen zum Verstecken aufsuchen zu können. Für die Erwachsenen damals galt das als mein Kinderspiel. Diese Ansicht ist noch immer falsch. Gute Plätze zum Verstecken zu finden ist ein Lebensspiel. Jeder braucht Plätze, an denen er sich manchmal verstecken kann. Der eine mehr, der andere weniger, denn es gibt mal mehr und mal weniger zu verstecken – um sich dann mit neuer Kraft zu öffnen.

Im Schutz des Baumes

Unter dem Dach eines Baumes, durch dessen Zweige die Sonne blinzelt, ist es nicht so umbarmherzig hell, jedenfalls nicht so gleißend unbarmherzig hell, wie es bis in den letzten Winkel aufgeleuchtete Räume sein können, in denen sich selten etwas über die wahrnehmende Kühle des Verstandes und von Interessen hinaus erwärmt. Das Schatten und diffuses Licht spendende Dach eines Baumes ist gnädiger, barmherziger. Unter ihm können wir unsere Augen weit öffnen und sind nicht gezwungen, unsere Augen zu schließen, sondern können sie gefahrlos weit offenhalten. Wenn wir sie schließen, dann um zu träumen, zu denken, vor uns hin zu summen, vielleicht auch zu weinen.

Es gibt Menschen, die mit Bäumen reden wie mit Freunden. Dann werden Bäume zu Zuhörern. Wäre es möglich, in Menschen den wohlwollenden, wärmenden Zuhörer zu finden, wie man ihn zum Beispiel in einer liebenden Mutter oder Freunden vermuten kann, dann wäre die Welt nicht so voll von Lügen, Ausreden und unbenannten Schmerzen. Wir vertrauen einander nicht. Deshalb vertrauen wir einander auch nichts an.

Aber das Laub der Bäume lassen wir von Fall zu Fall unsere Sorgen aufsaugen, nicht immer in Worte gekleidet, aber in Gedanken und Gefühle. Was wäre, wenn wir uns von Anfang an kennten und wüssten, wer und wie wir sind? Hätte es Einfluss auf unser Handeln? Würde es unser Leben auch nur vor einer falschen Geste, einem falschen Wort retten oder bewahren? Die Zeit ist ein barmherziger Helfer im Gewand eines Scharfrichters. Sie kann uns alles vergeben und vergisst doch nichts. Ein Baum ist ein barmherziger Helfer im Gewand von Zweigen, Blättern und Blüten. Er mag uns alles vergeben. Er fordert nichts, was wir nicht geben können.

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Text: Johanna Renate Wöhlke, Fotografische Illusionen: Wolftek