Kunst kommt / 174-Lebensbäume

Lebensbäume_2

Zeugen der Zeit

Die Geschichte eines Baumlebens kann schier endlos lang sein, manchmal mehrere Menschenleben lang. Viele Leben im Kommen und Gehen begleiten, das ist eine für uns unfassbare Zeit zwischen Wachsen und Vergehen, nicht zu messen in Minuten, auch wenn die Zeit mit Uhren gemessen wird. Nicht zu beziffern in Jahren, auch wenn es in den Pässen der Welt und den Unterlagen der Wissenschaftler wimmelt vor Jahresziffern. Nicht zu beschreiben mit Buchstaben, auch wenn die Namen und Daten unverwechselbar sein sollen: Ein Ich, geboren am, so beginnt es. Ein Baum, gepflanzt am… Ein Baum, gerodet am, gefällt am… Jahresringe und Jahre im ständigen Wechselbad der Natur.

Bäume sind geduldig

Mit der Zeit, den Ziffern und den Buchstaben ist der Mensch immer konfrontiert. Sie zwingen ihn unbarmherzig und unnachgiebig, an sie zu glauben. Die einzige Chance, der Zeit, den Ziffern und den Buchstaben zu entfliehen, ist die Liebe. Liebe bedeutet, die Zeit zu vergessen, die Namen zu vergessen und den Ziffern eine andere Bedeutung zu geben, als der Mathematiker ihnen geben muss. Bäume waren schon immer geduldige und schweigsame Begleiter Liebender, ja, ersehnte Orte. Wer wollte die Küsse zählen, die sich Verliebte unter Bäumen gegeben haben? In den Armen der Liebe unter einem Baum sich so zu fühlen, als hielte die Zeit an, das mag ein Stück von dem so gerne beschriebenen „Himmel auf Erden“ sein.

Diese Gedanken sind so alt wie die Liebe alt ist und keinesfalls das Privileg weltlicher Literaten durch die Jahrhunderte. Im Alten Testament findet sich unter „Das Hohelied Salomos“ einer der zartesten und sprachlich schönsten Liebesprosatexte der Weltliteratur – und auch da geht es nicht ohne Bäume: „Komm, mein Freund, lass uns auf´s Feld hinausgehen, und auf den Dörfern bleiben, dass wir früh aufstehen zu den Weinbergen, und dass wir sehen, ob der Weinstock sprosse und seine Blüten aufgehen, ob die Granatbäume blühen; da will ich dir meine Liebe geben“, oder „Meine Schwester, liebe Braut, du bist wie ein verschlossener Garten, eine verschlossene Quelle, ein versiegelter Born. Deine Gewächse sind wie ein Lustgarten von Granatäpfeln mit edlen Früchten, Zyperblumen und Narden. Narde und Safran, Kalmus und Zimt, mit allerlei Bäumen des Weihrauchs, Myrrhen und Aloe mit allen besten Gewürzen.“

Was also wäre die Weltliteratur über die Liebe ohne sie, die Bäume…

Mein Freund,  der Baum 

Könnten Bäume Geschichten erzählen über die Art der Liebe, die ihnen zuteil wird, es wäre eine Art Mosaik, ein aus vielen Erzählungen zusammengesetztes Geschichtenkunstwerk. Kinder wenden sich den Bäumen auf andere Weise zu als Erwachsene: Sie nehmen sie in Besitz, indem sie sie besteigen, auf ihnen klettern, mit ihnen spielen. Die Kirschen in Nachbars` und im eigenen Garten werden immer noch gerne durch kletternde Kinderbeine erobert – wo es sie noch gibt, die Kirschbäume und die selbst gebauten Baumhäuser, in eigenen Gärten.

Die erzählten Geschichten über diese Abenteuer sind Legion und füllen die Erinnerungen der erwachsen Gewordenen: Da war der Süßkirschenbaum in Omas Garten, auf die das kleine Mädchen immer mit dem Bruder kletterte, um die Kirschen aus den obersten Zweigen zu holen, während andere Spielkameraden sich einfach so lang machten und reckten, wie es nur ging. Dabei versuchten sie, sich die Zweige weit nach unten zu biegen und so an die Kirschen zu gelangen. Sie wollten gerade nicht klettern  und verschwendeten nicht einen Gedanken darauf, dass Äste dadurch abbrechen mussten, getrennt von Baum und Leben - sich austoben an Bäumen für einen kurzfristigen Genuss.

Gewachsene Zeugen 

Da sind Erinnerungen an Urlaube an der Nordsee und die schief gewachsenen Bäume und Hecken, die sich über Jahrzehnte der Kraft des Windes beugen müssen, gewachsene Zeugen dafür, aus welcher Richtung der Wind weht – keine Frage nach dem Betrachten dieser schief und krumm gewehten Stämme, Äste und Zweige. Keine Fichte, keine Birke, keine Haselnusshecke, die sich der Kraft des Windes widersetzen könnte.

Aber diese Bäume sind keine Verlierer. Sie stehen. Sie sind da. Sie sind da als Zeichen eines Miteinanders, in dem sich zwar die Form verbiegen und verändern lässt, aber nie die Wurzeln, nie das typische Erscheinungsbild Baum seinen Wiedererkennungswert verliert. Die Erinnerungen und Geschichten dieser Bäume wären angefüllt mit sanften Winden an warmen Sommerabenden, rauen Stürmen im Herbst und Winter, tobenden Orkanen und kreischenden Möwen über ihren Wipfeln. Ihre Meinung von sich selbst wäre nur die beste. „Wir haben es geschafft“, würden sie uns selbstbewusst erzählen, „trotz alledem haben wir es geschafft. Wir sind Bäume geblieben! Der Wind hat uns verändert, aber er hat uns nicht gebrochen.“

Charakterbäume

Sich so dem Leben stellen können, das ist auch ein menschlicher Traum. Nicht gebrochen werden, nicht untergehen, sich nicht verlieren, nicht seinen Charakter verbiegen müssen bis zur Unkenntlichkeit, durchzuhalten – auch wenn es schwerfällt, nicht verzweifeln in Stürmen, seine Wurzeln nicht verlieren, fest verankert sein.

Das ist der Stoff der wahren Märchen. Sie sind in der Welt. Sie werden erzählt und werden erzählt werden, solange die Geschichte die Geschichten von Menschen sein wird. Sie entwickeln ihre Kraft selbst. Sie strahlen in ihrem eigenen Licht. Sie werden gespeist von der Hoffnung und dem Glauben an eine gute, gerechte und glückliche Zukunft – für Menschen und Bäume.

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Text: Johanna Renate Wöhlke, Fotografische Illusionen: Wolftek