Belle Epoque-Hotellegende
Erfreuliche Ausnahme
Wer mit dem Wort Hauptbahnhof die eher düstere Seite einer Stadt verbindet, begegnet in Kroatiens Hauptstadt einer erfreulichen Ausnahme. Begrüßen den Reisenden hinter dem Ausgang doch gleich zwei der insgesamt acht gepflegten Parks, die mit ihrem leuchtenden Blumenschmuck Zagrebs Unterstadt wie ein Hufeisen durchziehen. Hinter dem Springbrunnen des kleinen Parks zur Linken orientiert sich die palastartige Gartenfassade des Grand Hotels Esplanade mit den stattlichen Säulen unter dem Dreiecksgiebel in der Mitte unübersehbar an dem 33 Jahre älteren neoklassizistischen Bahnhofsbau. Das Hotel Esplanade wurde von 1922 bis 1925 in unmittelbarer Nähe auf freiem Feld – daher der Name – für die Gäste des Orient Express errichtet, der zwischen Istanbul und Paris via Sofia, Belgrad, Zagreb, Triest, Venedig verkehrte.
Vornehme Adresse
Der Name Orient-Express ist ein Synonym für Luxus und Eleganz. Und so überrascht es nicht, dass nach vollständiger Renovierung das 2004 wiedereröffnete Grand Hotel auch heute Zagrebs vornehmste Unterkunft ist. Und weit mehr. Das älteste Luxushotel im ehemaligen Jugoslawien wurde erst vor kurzem von den Lesern einer angesehenen Reise-Zeitschrift zum zweiten Mal hintereinander auf die Liste der Top-Hotels weltweit platziert, der sogenannten Goldenen Liste. Bewertet wurden Unterkunft, Lage, Design, Leistungsqualität sowie das Gastronomieangebot.
Für Mittel-Osteuropa-Unkundige ist der Fünf-Sterne-Palast, der unter den besten 100 Hotels in Südeuropa derzeit Platz 33 einnimmt, vielleicht eine Überraschung. Auch für jene, die sich noch an die Zeit zwischen 1945 und 1960 erinnern, als das Esplanade zur Volksküche mutierte und im Hotel-Restaurant Bedürftigen Mahlzeiten auf Aluminium-Tellern servierte. Schon zuvor war das Esplanade umgenutzt worden. Während des Zweiten Weltkriegs diente es Gestapo und Wehrmacht als Hauptquartier.
Tempi passati. 1964 ging der Stern des Grand Hotels wieder auf, als es als erstes in allen sozialistischen Ländern zur Familie der Inter-Continental-Hotels stieß. Die von Pan Am gegründete Kette wollte deren Passagieren die besten Unterkünfte der Welt bieten. Die finanzkräftigen Bahnreisenden von einst wurden jetzt durch Fluggäste ersetzt. Dank ihnen kehrten die Goldenen Jahre ins Esplanade zurück. Die Liste seiner berühmten Gäste konnte sich fortsetzen.
Illustre Namen
Darauf findet man die illustresten Namen: den Atlantik-Überquerer Charles Lindbergh, die Schaupieler und Musiker Astra Nielsen, Josephine Baker, Greta Garbo, Anita Ekberg, Yul Brunner, Richard Burton, Elizabeth Taylor, Kirk Douglas, Yves Montand, Liv Ulman, Curd Jürgens, Stuart Granger, Leonard Rubinstein, Charles Aznavour, Maria Callas, Ella Fitzgerald, Louis Armstrong, Ike und Tina Turner, Cliff Richard, die Regisseure Orson Welles, Francis Ford Coppola und Woody Allen, die Schriftsteller Arthur Miller, Jules Roman und Alfred Hitchcock, die brasilianische Fußball-Legende Pele und, und, und. Aber auch staatstragende Gäste wie Nikita Chruschtschow, Leonid Breschniew, Richard Nixon, Queen Elisabeth, Altkanzler Helmut Kohl oder Bundespräsident Horst Köhler. Die Aufzählung der Prominenten, die irgendwann einmal im Esplanade übernachtet haben, ließe sich beliebig fortführen.
Pikante Szenen
Als beliebte Adresse der High Society war das Esplande nicht nur für dramatische Liebesgeschichten gut, deren Verlauf die Zeitungen mit Wonne verfolgten, sondern auch für Aufsehen erregende Feste und Veranstaltungen. Mit einem Skandal endete der Junggesellenabschied eines italienischen Grafen, als nach reichlich Champagner- und Kaviarkonsum einige Damen ihre Oberbekleidung ablegten und damit für den ersten Striptease in der Landeschronik sorgten. Ein Ereignis, das die noble Institution schon bald nach ihrer Eröffnung ins Wanken brachte. Gesitteter war es dagegen bei der ersten Miss-Jugoslawien-Wahl zugegangen, die hier 1926 die Berliner Filmgesellschaft „Fanamenta“ veranstaltete. Ein Jahr später wurde die hübsche Stefica Vidacic auch Miss Europa.
Meisterwerk der Belle Epoque-Architektur
Die Geburtsstunde des Grand Hotels war ein 1917 ausgeschriebener internationaler Wettbewerb, aus dem der deutsche Architekt Otto Rhenig als Sieger hervorging. Seine Pläne wurden allerdings von dem Zagreber Architekten Dionis Sunko verändert, so dass dieser als Erbauer des Esplanade gilt und sein Oevre als ein Meisterwerk der Belle-Epoque-Architektur. Seit November 2003 wird das Esplanade im Rahmen der internationalen Hotelkette Regent betrieben, als deren erstes in Europa. Die geräumigen Zimmer und Suiten knüpfen bewußt an die ursprüngliche Ausstattung des Hotels an und enttäuschen mit ihrer gediegenen großbürgerlichen Eleganz Nostalgiker nicht. Vor allem Freunde des Jugendstils werden seit der Komplettrenovierung immer wieder ihre Freude haben. Einen besonderen Akzent setzt dabei der Kuppelsaal, der als Ballsaal zumindest in Europas Südosten seinesgleichen sucht.
Spitzen-Service rund um die Uhr
Einmalig dürfte auch die über 80 Quadratmeter große Präsidenten-Suite sein, die mit ihrem schweren dunklen Holzmobiliar echte Gründerzeit bewahrt. Durch moderne Annehmlichkeiten ergänzt, hat die fast schon museale Noblesse ihren Preis: 1.500 Euro die Nacht. Ein luxuriöses Relikt vergangener Zeiten ist, wenn man so will, auch der 24-stündige Zimmerservice. Darüber wacht der Concièrge, der hinter seinem polierten Holztisch mitten in der Eingangshalle jedem Gast Tag und Nacht zur Verfügung steht, zur Beantwortung aller Fragen und Erfüllung (fast) aller Wünsche. Hebt er den Blick, sieht er sieben Uhren, welche die Zeit rund um die Welt von New York über Buenos Aires und Tokio bis Sidney anzeigen. Besser kann man das Esplanade gar nicht beschreiben. Denn bei allem Belle-Epoque-Charme, in der Gesamt-Ausstattung ist das Grand Hotel durchaus zeitgemäß.
Ausgezeichnete Küche
In seiner Geschichte war es oft sogar Vorreiter. 1967 eröffnete das Esplanade das erste Kasino im Land und 1986 das erste Bistro nach französischem Vorbild. 1992 war es Kroatiens erstes Hotel, das privatisiert wurde. Das Kasino wird heute von Casino Austria betrieben. Und im Bistro gibt es neben Zwiebelsuppe, Quiche Lorraine und Croque Monsieur inzwischen auch lokale Spezialitäten. Allen voran den berühmten „Strukli“, gekochten Strudel mit Quark, der hier am besten schmecken soll. Gourmets treffen sich im Zinfandel´s, das zu Kroatiens Spitzenrestaurants gehört und dessen Küchenchef Queen Elizabeth voller Begeisterung mit einer Extra-Goldmünze bedachte.
In den zwanziger Jahren hieß es: „Schon auf den Stufen des Esplanade gestanden zu haben ist es wert, den Enkelkindern zu erzählen.“ Einmal vor Ort sollte man einen Schritt weitergehen und zumindest einen Blick in den Hotelpalast werfen.
Text: Helga Schnehagen, Fotos: Hotel Regent Esplanade (13), Helga Schnehagen (2)

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