New York, New York!
Dienstag, 4. Tag im Mai
New York, New York!
New York, was soll das!? Die Stadt der tausend Lichter ist grau und trostlos wie die wirtschaftliche Stimmung im Land der tausend Möglichkeiten. Der Wind bläst kalt von Nord, fegt über die Lower Bay und den Ambrose Channel, rüttelt an den Pfeilern der Verrazano Narrow Bridge und verirrt sich in der Upper Bay. 9° C über Null - das hat uns gerade noch gefehlt! Die Skyline ist umnebelt, selbst „Miss Liberty“ reckt die Fackel lustlos in die trübe Suppe. Keine freundliche Begrüßung. Und schon gar kein Grund zur Freude auf eine Stadt, auf die wir so lange gespart, uns so intensiv gefreut und vorbereitet haben - wir waren noch niemals in New York! Sogar Flugzeugträger, U-Boot und Concorde vis á vis der Pier, an der wir anlegen, warten seelenlos auf Gäste. Wach auf, New York, zeig uns dein freundliches Gesicht, dein sonniges Gemüt!
It’s May Way?
Sightseeing mit Glenn Fischer Page, dem singenden Reiseleiter. Es geht diagonal durch Manhattan den Broadway südwärts, an Hochhäusern entlang, die tatsächlich an den Wolken kratzen, weiter über Times und Union Square, vorbei an Menschen, die unter aufgespannten Schirmen über nasses Pflaster hasten. Das trostlose Bild wird farblich aufgelockert durch schrille Werbung, knallbunte Neonreklame und gelbe Taxis, die sich durch den Verkehr hupen, nur übertönt von Polizei- und Feuerwehrsirenen. Ich schaue hinter die Kulissen, in düstere Hinterhöfe, inspiziere Häuserfassaden und schmiedeeiserne Fluchttreppen. Regen. Regen, nichts als Regen.
Die Farbe Grau
Mit der „Zephyr“ den Hudson und East River befahren, die BMW-Brücken nach Brooklyn, Manhattan und Williamsburg unterquert. Zum Greifen nah stehen quadratische Backsteingebäude, öde Heizkraftwerke, rauchende Schlote, rostige Kräne und morbide Hafensilos am Ufer. Trotz Schmuddelwetter hat alles seinen Reiz. Wir sind nur einmal in New York. Also saugen wir alles begierig in uns auf, genießen jedes Detail und den Blick auf die graue, aber eindrucksvolle Skyline, auf bedeutende Wirtschafträume und Handelsplätze der Welt, Sitz vieler internationaler Konzerne und Organisationen, so auch der Vereinten Nationen (UN).
Mittwoch, 5. Tag
Bravo, New York!
Big Apple ist heute freundlich gestimmt. Zwischen weißen Wolken macht sich blauer Himmel breit. Die Sonne wärmt die größte Stadt Amerikas, in der über acht Millionen Menschen leben. Uns zieht es in die City. Dort erfreuen wir uns am Wechselspiel von Licht und Schatten an verglasten Wolkenkratzern; selbst die rostigen Feuertreppen der kleinen Mietshäuser in den Querstraßen der Metropole wirken bei Sonnenschein wie kunstvolle Gebilde aus Eisen und Guss.
Großstadtschungel
Der Platz vor dem Rockefeller Center ist zur Mittagspause rappelvoll. Mit dem Lift geht es rasend schnell 70 Stockwerke hinauf zum „Top of The Rock“. Von unserer Aussichtsplattform ist der Lärm der Straßen und Plätze in weite Ferne gerückt, sogar Hudson und East River bilden zwei ruhige, silberne Streifen. Mittendrin Manhattan, für die meisten Amerikaner ein Viertel mit nicht bezahlbarem Wohnraum, umringt von Brooklyn, Queens, Staten Island, und den Bronx im Norden, New Yorks einziger Stadtteil, der auf dem Festland erbaut ist. Zu unseren Füßen offenbart sich der Großstadtschungel, ein Labyrinth aus tiefen Häuserschluchten, aufstrebenden Spiegelfassaden, flachen Dächern, spitzen Türmen und vergoldeten Kuppeln vor dem vier Kilometer langen Grün des Central Parks. Die Eleganz der Art-Deco-Fassade des krisengeschüttelten Chrysler Building erinnert an wirtschaftlich bessere Zeiten und ist nicht zu übersehen, ebenso das türkisgrüne Dach vom Woolworth Building mit den vier Ecktürmen. Seinerzeit hat der Warenhauskönig das im neogotischen Baustil gestaltete Hochhaus mit 13 Millionen Dollar cash bezahlt - Peanuts gegen das 42 Millionen Dollar teure Penthouse von Céline Dion im Time Warner Center am Columbus Circle. Der belebte Platz ist Ausgangspunkt zur "Central Park West", einer vornehmen Straße, in der John Lennon einst kaltblütig erschossen wurde und Bono bis vor kurzem ein sündhaft teures Luxus-Appartement unterhielt. Die Prachtmeile gilt nach wie vor als Rückzugsort für Multimillionäre wie Madonna, Demi Moore, Diana Ross und Steven Spielberg.
Tiffany & Co.
Ein Bummel über die Fifth Avenue muss sein. Sie ist neben dem Broadway die berühmteste Straße der Welt und Symbol für das tolerante New York, das Business, Kunst und Kultur geschickt unter einen Hut zu bringen versteht. Tiffany & Co. erinnern an Catherine Hepburns „Frühstück bei Tiffany“, der Trump Tower an das schnelle Geld mit Immobilien. Die farbenprächtigen Fenster der St. Patrick‘s Cathedral flößen Ehrfurcht ein, ebenso das Empire State Building. Mit 381 Metern Höhe derzeit das höchste Gebäude der Stadt, bleibt es ein Mythos, auf dem schon King Kong aus Liebe zu Jane wutschnaubend herumturnte. Wir werfen einen Blick in die Metropolitan Opera, besuchen das Salomon R. Guggenheim Museum, und wandeln, behütet vom Sternenhimmel und seinen Tierkreiszeichen, durch die beeindruckende, im Jugendstil erbaute Bahnhofshalle des Grand Central Terminal.
Big Town
Ein buntes Völkergemisch belebt den Bahnhof und die Stadt, die niemals schläft. Afroamerikaner, Chinesen, Inder, Italiener, Latinos, orthodoxe Juden, Studenten, Schüler und Touristen - allesamt vertreten. Sie weichen Geschäftsleuten aus, die mit hochgekrempelten Ärmeln und Kaffeebechern in der Hand durch die Mittagspause hasten. Winkende Japaner vor freundlichen Cops, weiße und schwarze Kutschen, die über brüchigen Asphalt poltern, aus dem hie und da Wasserdampf entweicht; Yellow Caps, wohin das Auge blickt, schwarz glänzende Town Cars und Big Business-Limousinen vor Hotels und Konzernzentralen mit mächtigen Marmorsäulen und blattgoldverzierten Portalen. Zwischen den Bürotürmen immer wieder Kirchen für jede Konfession. Schmucke Boutiquen wechseln sich ab mit Coffeeshops, Imbissbuden und Restaurants für jeden Geschmack und Geldbeutel. Nicht zu vergessen: das World Financial Center an der Südspitze Manhattans mit der in Verruf geratenen Wall Street, die kurz und schmal ist, und schließlich Ground Zero – seit der Zerstörung des World Trade Centers am 11. September 2001 die größte Baustelle New Yorks. Schon bald wird hier - noch höher und stolzer - der Freedom Tower stehen, das neue Wahrzeichen der Stadt.
Goodbye, New York!
Festlicher Abschied am Abend. Mit Musik und großen Gefühlen. „It’s Time To Say Goodbye“. Hubschrauber überfliegen im Minutentakt das Schiff, es wird begleitet von Fähren und Schnellbooten. Zur Feier des Tages gibt es vor der Freiheitsstatue eine farbenprächtige Wasserfontäne, und zu unserer Freude an Backbord die atemberaubende Skyline, die mit gebührendem Abstand erst so richtig zur Geltung kommt, besonders nachts.
„It’s Time To Say Goodbye“. Welch herzergreifende Stimmung! Die MSC Orchestra sticht in See. Jetzt geht es über den Atlantik. Nach Europa. In die alte Welt. Goodbye, New York, bye-bye, bis wir uns wiedersehen!
Text & Fotos: Renato Diekmann

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