Süchtig nach Mee(h)r

Einmal über den Atlantik

Donnerstag, 6. Tag im Mai

Auf hoher See

Ich habe prächtig geschlafen, rufe mir wieder und wieder den Traum vom "Bogen des Tauchers" in der Bucht vor New York ins Gedächtnis zuück, kann mich aber an keine Details erinnern. Erfreut wandert der Blick zu meiner großen Liebe. Ihr blondes Haar fällt weich über das linke Schulterblatt auf den (entzückenden) Rücken, der von einem hauchdünnen Stoff bedeckt wird. Sie schläft und träumt. Jetzt würd‘ ich gern ihr T-Shirt sein und das Herz schlagen hören. Ein Wort von ihr, und wir würden den Horizont mit einem Flügelschlag erreichen.

Unterwegs mit Freunden

Offensichtlich hat mein Körper sich dem schwankenden Schiff auf wogenden Wellen angepasst. Vermutlich werde ich nicht seekrank! Der Himmel ist bewölkt, die Luft dunstig, 18° C im Schatten, der Wind bläst frisch nach Süden übers Meer. Mal ist die Wasseroberfläche grau, mal silbrig oder flaschengrün, mal anthrazit, mal violett bis schwarz, auf jeden Fall nie königsblau wie vor der Küste Floridas. Delphine begleiten die Fahrt. Offenbar tauchen sie nur auf, um zu beweisen, dass sie die besseren Schwimmer sind als wir. Sie schnellen aus dem Wasser und tauchen elegant wieder ein. In Sichtweite dahinter die Fontäne eines blasenden Wals. Die zutraulichen Säugetiere folgen dem Schiff schon eine ganze Weile. Offenbar wurden sie von den Essensresten angelockt, die von der Küchencrew als breiige Masse täglich legal ins Meer gegeben wird.

Eine glänzende Spur

Licht auf dem Wasser am Abend. Der Vollmond zieht eine glänzende Spur über die spiegelglatte See, beleuchtet den Balkon, auf dem wir sitzen. Ein heller Schein auf  dunklem Grund, der zu einem breiten Streifen wird, erst silbern, dann golden, sich rasch entfernt und im Meer versinkt. Von Horizont zu Horizont nur Wasser, weit und breit kein Land in Sicht, kein weißer Hai, und schon gar nicht Neptun mit dem vergoldeten Dreizack. Wir kommen uns vor wie zwei liebende Verschwörer, die sich abseits halten, um ein Geheimnis zu teilen. 

Freitag, 7. Tag 

Die schwimmende Kleinstadt

73.000 PS treiben die MSC Orchestra über den Atlantik. Mit 23 Knoten pflügt sie durch das Meer, das zuweilen bis zu 6.000 Meter tief ist. Zwei Kapitäne, 10 Offiziere, 12 Ingenieure und 30 Techniker sorgen für die Sicherheit an Bord des 350 Millionen Euro teuren Schiffes. Mit 13 Passagierdecks, 1.275 Kabinen und zahlreichen Gesellschaftsräumen wie Bars, Restaurants, Bibliothek, Kasino, Theater und Beautyfarm ist es knapp 294 Meter lang, 32,2 Meter breit und 56 Meter hoch. Zurzeit sind 2.400 Passagiere an Bord. Sie werden von 987 Besatzungsmitgliedern rund um die Uhr versorgt, geführt von einem Hotel- und einem Kreuzfahrtmanager, bekocht von  zahlreichen Köchen, bedient von Kellnern, Stewardessen und Stewards. Viele Fertigkeiten werden auf dem Kreuzfahrtschiff gebraucht. Und so gibt es Friseure, Kosmetiker, Masseure (männliche wie weibliche). Klempner, Krankenschwestern, Schneider, Tischler, Wäscher und eine Menge Leute, die das Deck schrubben und dafür sorgen, dass das polierte Messing in der Sonne blitzt wie pures Gold.  

Immer auf Kurs

Der Ami aus Boca Raton (Florida) buche immer nur die MSC, wie er glaubhaft versichert. Die Schiffe der Carnival Cruise Line und Royal Caribbean Cruises seien ihm zu groß, zu voll, zu laut und viel zu unpersönlich. Viel zu viel Japaner, ruft er verächtlich gegen den Wind und überprüft anhand des GPS-Geräts, das er statt eines Handys permanent mit sich führt, ob die Position des Schiffes noch stimmt und wir korrekt auf Kurs sind. Wir sind. 

Glück gehabt

Entweder haben wir uns im Laufe der Zeit an das Abendessen gewöhnt oder die Gerichte, die täglich unter einem Landesmotto (z. B. China, Indien, Mexiko etc.) serviert werden, schmecken jetzt besser. Nur die vor Reiseantritt blindgeorderten Weine wollen mir nicht schmecken, munden aber meiner Partnerin, die sich den Inhalt der Flasche während des Dinners mit Christel und Wolfgang aus Krefeld teilt. Glücklicherweise haben wir im Restaurant eine Tischrunde erwischt, in der es sehr manierlich zugeht. Sechs gebildete Gäste, freundlich, stilvoll, zurückhaltend, weltoffen und weit gereist, wie man hört.

Samstag, 8. Tag

Sehnsucht nach mehr

Sonne satt, ruhiges Meer, kaum Wind. Meine Begleiterin nutzt die Tage auf See, um braun zu werden, sie döst auf der Liege oder liest sich durch Dan Browns "Illuminati". Gelegentlich legt sie den dicken Thriller beiseite, erhebt sich, lehnt an der Reling, atmet die salzhaltige Luft, blickt gebannt aufs Wasser, folgt der schäumenden Spur, die die Schiffsschrauben hinter sich herziehen, lauscht dem gleichmäßigen Klang des Rauchens, genießt die Fernsicht und scheint eins zu werden mit dem Horizont. Sie liebt das Meer, die Wellen, die Sonne und den Wind – eine Sehnsucht von Kindesbeinen an, die sie offenbar nicht loslässt. Es wird nicht unsere letzte Kreuzfahrt sein, wie ich vermute. Asien ruft, und die Karibik, Südamerika wäre ebenfalls schön. Auch Norwegens Fjorde, Schwedens Schären und Finnlands bezaubernde Weite locken, ebenso die Hansestädte Riga und Tallinn, die Zarenstadt St. Petersburg, auch das östliche Mittelmeer mit seinen zahlreichen Inseln und - ganz klar - die befrackten Pinguine der Antarktis. Wir werden sehen, was geht.

 

Text: Renato Diekmann,

Fotos: Renato Diekmann, AG (1), MSC (1) & pixelio.de mit Frühling(1), Dittrich(1), Knecht(1)