Gut eingelebt
Samstag, 9. Tag im Mai
Gut eingelebt
Die Gäste sind entspannt, und auch sonst läuft alles nach Plan. Bei Antritt der Reise in Fort Lauderdale bei Miami haben wir unser Gepäck abgegeben und die Zugangskarte, mit der wir an Bord alles ordern können, für unsere Kabine erhalten. Seit Tagen pflegen wir den Müßiggang, ohne dass uns langweilig wird. Schließlich haben wir die freie Wahl zwischen dem Balkon unserer Kabine, einem stillen Eckchen auf einem der Liegestühle, einem Platz am Pool mit Animationsprogramm oder in der Bordbibliothek, wo wir uns auf die Reiseziele in Europa vorbereiten, während sich dienstbare Geister um unser Wohlergehen kümmern. Nach dem Dinner besuchen wir im „Convent Garden Theatre“ die täglich wechselnden Unterhaltungs- und Showprogramme. Kreuzfahrtdirektor Franco Pili, immer zu Späßen aufgelegt, kündigt die Darsteller aus verschiedenen Ländern höchstpersönlich an: Artisten und Künstler, Musiker, Schauspieler und Tänzer, die sich zuvor schon durch ihre Vorstellungen an Land einen Namen gemacht haben.
Zielstrebig voran
Der Wind aus Nord-Ost schwillt rasch an, auch der Himmel verdichtet sich. Das Schiff stampft durch die langgestreckte Dünung, erst hebt sich der Bug, dann das Heck, und umgekehrt. Über Stunden geht es rauf und runter, auf und ab. Erste Passagiere melden sich seekrank. Mit Einbruch der Dunkelheit tauchen unerwartet Vögel auf. Dunkle Flügel und weiß gefiederte Bäuche durchschwirren die Nacht; sie ziehen weite Bögen um das beleuchtete Schiff, segeln flach übers Meer, um geschickt und pfeilschnell in die dunklen Fluten zu stürzen, auf der Suche nach Beute. Die MSC Orchestra kommt zügig voran. Früher als erwartet, werden wir die ersten Inseln der Azoren sichten. Dank der vorzeitigen Ankunft am folgenden Abend verabreden wir mit Christel und Wolfgang, unserer netten Urlaubsbekanntschaft, einen gemütlichen Bummel durch die Hauptstadt Ponta Delgada.
Montag, 10. Tag
Land in Sicht!
Wir passieren in den frühen Morgenstunden den Kanal von São Jorge, links die Insel gleichen Namens, rechts die Insel Flores. Begrünte Hänge, in den Tälern kleine bescheidene Häuser, hell verputzt, alle mit Fernsicht und Meerblick. Im morgendlichen Dunst taucht steuerbords der spitze Pico aus dem Nebel der gleichnamigen Insel. Der Berg ist mit 2.357 Metern der höchste Gipfel Portugals, wenngleich er über 800 Seemeilen vom Festland entfernt ist. Wir sichten erste Schiffe, vor dem Horizont fährt eine weiße Fähre von rechts nach links, davor dümpelt die mausgraue Fregatte der portugiesischen Marine im mausgrauen Meer. Wetter diesig, milchiges Licht, 19° C. Das berühmte Azorenhoch, das bekanntlich gutes Wetter nach Deutschland bringt, stellen wir uns anders vor. "Wale!", ruft aufgeregt der indonesische Kellner neben uns an Deck und deutet auf die offene See. Drei an der Zahl – ein Bulle, eine Kuh und ihr Kalb. Immer wieder ragen tonnenschwere Leiber aus dem Wasser, blasen geräuschvoll Fontänen in die Luft, entschwinden in die Tiefe, entfernen sich weiter und weiter. Eine Schar neugieriger Delphine folgt in sicherer Entfernung.
Auf du und du
Über Ponta Delgada auf São Miquel, der größten Insel der Azoren, strahlt der Himmel blau. Das Hoch gibt es doch! Stolz liegt die MSC Orchestra am Pier. Das weiche Licht der Abendsonne macht sie golden und noch eleganter. Ein stimmungsvoller Anblick, an dem wir uns lange sattsehen, auch wegen der zahlreichen Schmuckstücke, die im Yachthafen davor sanft in sanften Wellen schaukeln. Wir schlendern zu viert durch das dreibögige Stadttor „Portas da Cidade“ in den historischen Stadtkern. Rechts morbide Fassaden, links schmiedeeiserne Balkone an farbenfrohen, pastellfarbenen Häusern entlang schmaler Gassen, die zu belebten Plätzen und blühenden Parkanlagen führen. Gemütliche Cafés und schlichte Kneipen sorgen für Stimmung und Abwechslung. Wir trinken mit Christel und Wolfgang auf das „Du“, genießen zu einer Flasche „Ilha Verde“ frischen Fisch und köstliche Muscheln in einer Sauce aus Knoblauch, sehr pikant und herzhaft; Brot, Oliven und Käse gibt es als Beilage. Wir danken für die Einladung und brechen beschwingt auf zum illuminierten Schiff, das den Hafen verzaubert. Gegen Mitternacht zieht es uns magisch ans Buffet zu den süßen Desserts auf Deck 13. "Lecker, lecker!", hör ich Wolfgang sagen, während er genussvoll an einer Rumkugel schleckt. Er ist beileibe nicht der einzige, der zu später Stunde noch nascht.
Dienstag, 11. Tag
Ananas, Tee und glückliche Kühe
Die Azoren sind eine bunte Mischung aus klarem Wasser, blauem (oder grauem) Himmel und grünen Wiesen. Hohe Klippen wechseln sich ab mit vulkanischen Kraterseen, seltenen Pflanzen und dampfenden Geysiren. Wir sind überrascht von der reichen Vegetation, der üppigen Pflanzenvielfalt und den Japanischen Sicheltannen, die hier schnell und zahlreich heranwachsen. Hortensien in Hülle und Fülle, in den Farben weiß und blau, säumen die Felder am Wegesrand. Immer wieder entdecken wir Bananenstauden, kleine Ananas- und Teeplantagen. Dazwischen jede Menge glückliche Kühe auf saftig grünen Weiden vor einer sanft geschwungenen Hügellandschaft. Der Archipel ist geprägt durch das unstete Wetter. Die Menschen sind den rauhen Alltag gewohnt. Wie fast alle, leben sie von der Land- und Milchwirtschaft, die viele Familien auf den Azoren ernähren.
Text: Renato Diekmann
Fotos: Renato Diekmann, AG (1) & pixelio.de mit Knecht (1)

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