Süchtig nach Mee(h)r

Sicher von Hafen zu Hafen

Sonntag, 16. Tag im Mai 

Nicht mein Tag!

Mein Gesicht im Spiegel ist blass und fahl. Ich habe im Magen ein flaues Gefühl, meine Knie sind weich, und beim Frühstück, heute á la Card im Restaurant, kriege ich keinen Bissen herunter. Selbst das stets frisch und locker gebackene, sehr köstliche Schwarzbrot, das Beste, was ich je gegessen habe, will mir nicht schmecken. Wir sind schon auf der Höhe Frankreichs angelangt. Rechter Hand passieren wir die „Ile d’Quessant“, eine Insel auf der Höhe von Brest in der Bretagne. Den ganzen Tag bin ich nicht zu gebrauchen, schone meinen Körper, pflege meine Seele, hole Schlaf nach und lass mich im Body & Mind SPA eine Stunde lang von zarter Frauenhand massieren. Erst bei Einfahrt in den 34 Kilometer breiten Ärmel Kanal beruhigen sich die See und mein Magen, der weniger von der Seekrankheit als mehr von den viel zu hastig verschlungenen Austern in Mitleidenschaft gezogen worden war.

Montag, 17. Tag

Kalt und aggressiv

Guten Morgen, England, wie geht’s, wie steht’s? Die Weißen Klippen von Dover werden sichtbar. Heller Kalksandstein, bedeckt mit einem grünen Teppich und gekrönt von einem weißen Leuchtturm, erstrahlt im Licht der Sonne. Während der Napoleonischen Kriege grub man Tunnel in die steilen Klippen, um sich gegen die französischen Angreifer zu verteidigen. Nichts davon ist mehr zu sehen. Nur die Trutzburg von Dover, von wo aus bei klarem Wetter Calais in Frankreich gesichtet werden kann, erhebt sich stolz gen Himmel. Eisiger Wind peitscht mein Gesicht, haut mich fast von Deck. Er bläst unerbittlich aus Nordwest, so aggressiv, wie ich ihn als Junge von der Waterkant, der einiges abkann, noch nie erlebt habe. Obwohl das Schiff pünktlich im Hafen einläuft, braucht es eine volle Stunde, um an der Pier festzumachen. Drei Schlepper müssen den Ozeanriesen mit aller Kraft gegen den Wind an den Kai drücken, damit Besatzung und Hafenarbeiter die dicken Taue um die blanken Eisenpoller zurren können. Viel Sonne, aber noch mehr Wind, stürmisch und brutal, bis viele Passagiere zu keuchen beginnen und über Husten und Schnupfen klagen. Erst gegen Mittag lässt die Wut des Windes nach und lockt die verbliebenen Gäste aufs Sonnendeck. Oder in den Bus, der uns zu der berühmten anglikanischen Kathedrale von Canterbury bringt. Der Sitz des Erzbischofs aus dem 12. Jahrhundert ist ebenso eindrucksvoll wie die Grafschaft Kent, vielen als Englands schönster Garten bekannt.

Dienstag, 18. Tag

Auf einen Drink!

Die Sicht ist gut. In einer Entfernung von etwa 10 Seemeilen tauchen die ersten Küstenabschnitte Dänemarks auf, flach wie ein Brett. In trauter Runde schlürfen wir den Abschiedsdrink in der Shaker Lounge Bar. Bei Wein für die Damen, Pils und Wodka für uns Herren zieht im Licht der untergehenden Sonne gemächlich Kap Skagen vorüber. Behutsam geht es durch das Skagerrak in die Meerenge des Kattegat, das die südwestliche Küste Schwedens von der dänischen Halbinsel Jütland trennt. Die Talent Show der Crew, die letzte Show der Kreuzfahrt, lassen wir uns nicht entgehen. Vielleicht wird das eine oder andere Besatzungsmitglied mal ein weltberühmter Künstler - wer weiß? Einen gelungenen Anfang hat der Nachwuchs jedenfalls gemacht. Besonders gern erinnern wir uns auch an „Midnight Paris“, „Circus Land“ und „Just Magic Jorgos“ – drei faszinierende Shows, die uns köstlich amüsiert und herrlich unterhalten haben.

Mittwoch, 19. Tag

Zwischenstopp

Zwei Stunden Aufenthalt in Kopenhagen, wo ein Drittel der Passagiere auscheckt für den Heimflug nach München, Frankreich, Italien und Spanien. Strahlender Sonnenschein über der dänischen Hauptstadt, die wir wegen der knappen Zeit aussparen müssen. Schweren Herzens verzichten wir auf Hans Christian Andersens kleine Meerjungfrau, und Tivoli, den Vergnügungspark, mitten in der Stadt.  Wir lassen Schloss Amalienborg, den Wintersitz der Königin, links liegen, leider auch Schloss Christiansborg, berühmt durch Shakespeares Hamlet, und Schloss Rosenborg, wo die Kronjuwelen der Königsfamilie sicher aufbewahrt werden.

Geräuschlose Fahrt

Vom Balkon unserer Kabine sichten wir vereinzelt kleine Fischerboote. Gemächlich fahren wir in den Tag, heimwärts nach Deutschland. Das Wasser ist glatt wie ein Aal, still wie ein See, und eisgrau. Wir gleiten geräuschlos dahin, hinterlassen kaum Wellen. Sachte geht es vorbei an Fähren und Booten mit schwach geblähten Segeln. Am feinsandigen Strand des Ufers erinnern dänische Ferienhäuser aus Holz an Freizeit, Urlaub und Schulferien.  

Schleswig-Holstein meerumschlungen

Das rot-weiße Rettungsboot "Nis Randers" heißt uns in der Kieler Förde als Erstes willkommen, gefolgt von zwei Jet-Skis. Rasant jagen sie über die Wellen, klatschen lautstark aufs Wasser. Eine Zeitlang wiederholen sie das unterhaltsame Schauspiel, umkreisen uns und das klassische Kreuzfahrtschiff „Princess Daphne“, um schließlich abzudrehen nach Laboe. Das klassische Seebad sonnt sich zufrieden und still in der Abendsonne. Nur die Fähre nach Dänemark erwidert unser dröhnendes Signal bei der Einfahrt in den Kieler Hafen. Dort liegt das weiß beschriftete TUI-Schiff "Mein Schiff", nach der Taufe in Hamburg startbereit am Kai für ihre erste Ostseetour. Auf dem Boots-Deck stehen die Passagiere in orangefarbenen Rettungswesten zur Begrüßung in Reih und Glied Spalier. Der Schiffsrumpf ist dunkel und erkennbar kleiner als der der weißen MSC Orchestra, die parallel zum deutschen Mitbewerber festmacht.

19 Tage, 18 Nächte

5.844 Seemeilen (10.823 Kilometer) liegen hinter uns. 12.000 kg Kartoffeln, 8.000 kg gemischter Salat, 14.300 kg Gemüse, 5.000 kg Zwiebeln, 240 kg Knoblauch, 44.000 kg Obst, 15.900 kg Fleisch, 4.400 kg Geflügel, 10.000 kg tiefgefrorener Fisch, 1.110 kg Garnelen, 6.200 kg Pasta, 3.600 kg Reis, 10.600 kg Mehl und weit über 100.000 Eier wurden während der Kreuzfahrt verzehrt. Nicht alle Speisen (besonders am Abend) haben geschmeckt. Bis auf das umfangreiche Frühstück vom Buffet mit reichlich Obst und frischgebackenem Brot, dem leckeren Schwarzbrot!, Joghurt, Käse und Wurst, Schinken, Ei und vieles mehr. Gesund und reichlich auch das Mittagsessen. Viel Rohkost, Salat, Pasta, Fisch, Fleisch, Obst und Gemüse. Besser und abwechslungsreicher essen wir zuhause auch nicht.

Arrivederci, mille grazie!

Arrivederci, MSC Orchestra! Wir sind am Ende dieser Kreuzfahrt angelangt. Arrivederci, tutti! Und Mille Grazie an den Comandante und seiner engagierten Crew! Das Gefühl, geborgen zu sein, war der Pluspunkt dieser Reise. Wenn wir uns nach einem abwechslungsreichen Tag am Abend schlafen legten, war uns bewusst, dass auf der Brücke ein wachsames Auge das Schiff sicher in den nächsten Hafen leitet.

Text: Renato Diekmann, Fotos: Renato Diekmann & pixelio.de mit Viviane Bourkel(1), Th. M. Müller(2)