Im Wüstenreich der San

Die stille Einsamkeit der Wildnis

Als das Licht der aufgehenden Sonne den grauen Saum am Horizont vergoldet und die verstaubten Umrisse knorriger Kameldornbäume auf der Senke freigibt, verharre ich in Ehrfurcht vor der Schöpfung der Natur, die es nicht eilig hat, ewig scheint - und eine Quelle haben muss. Vielleicht ist hier die Welt entstanden? Umgeben von Stille und Einsamkeit, bewundere ich die Schönheit dieser wüsten Landschaft aus rotsenfgelbem Sand. Seine vom Wind geformten Dünen sind charakteristisch für die ausgetrocknete Ebene, über die sich oft ein metallisch-wolkenloser Himmel spannt. Wie Wellen strömen sie über die Kalahari, die Teil eines riesigen Sandbeckens ist, das vom Oranje Fluss bis nach Angola, im Westen bis nach Namibia und im Osten bis nach Zimbabwe reicht. Die raue Savannenlandschaft wird durchsetzt von herzförmigen Salzpfannen und raren Wasserstellen, an denen sich schwarzmähnige Löwen, geschmeidige Geparden, Spieß- und Springböcke, Hyänen und Löffelhunde gegen die Hitze des Tages wappnen.

Das durstige Land

Die lebensnotwendigen Niederschläge fallen während weniger Gewitter, die launenhaft und heftig sind. Sie werden von Stürmen begleitet, die schwache Bäume und kranke Sträucher entwurzeln können, und von Blitzen, die manchmal das knochentrockene Gras in Brand setzen. Nach einer halben Stunde ist das Wüten der Natur vorbei. Schneller als es Mensch und Tier lieb sein kann, verdunstet der Regen oder versickert im sonnenheißen Sand in die Tiefe; nur sein süßer Duft schwängert für einige Stunden die Luft. Aber so unfruchtbar und karg das Land auch erscheinen mag – es lebt, blüht und gedeiht. Denn Wasser ist Leben! Gottseidank arbeitet die Kalahari fast wie ein geschlossenes Ökosystem, in dem sich die hier ansässigen Lebensformen so angepasst haben, dass sie selbst unter den extremen Bedingungen massiver Temperaturschwankungen und Trockenheit existieren.

Der König der Bäume

Der Leben spendende Sand der Kalahari wird von Gräsern, Buschwerk und Kakteenfeldern zusammengehalten und gekühlt – und von den Bäumen, die sich in und an den Flussbetten verteilen. Zum Beispiel der Schäferbaum. Seine Äste reichen bis zum Boden, um den unerlässlichen Schatten zu spenden, und seine Blätter, denen man eine medizinische Wirkung nachsagt, sind voller Proteine, die Blüten reich an Nektar und die Früchte süß. König der Bäume ist allerdings der allgegenwärtige Kameldornbaum, dessen Krone Schatten bietet, und dessen Blätter und Schoten als Nahrungsmittel dienen. In seinen Zweigen nisten Adler, lassen sich Eulen nieder, schwirren gesellige Webervögel herum, die ihre massiven und zum Teil kiloscheren Gemeinschaftsnester aus Stroh bauen.

Das Paradies für Vögel

Etwa 200 verschiedene Zugvögel gesellen sich pro Jahr zu den 78 heimischen Vogelarten, die hier ständig leben. Neben dem Krüger-Nationalpark ist die Kalahari zudem eine der letzten Zufluchtsstätten für Kampf- und Raubadler. Zwergohreulen, Perlkauzen, Weißgesichtseulen und Uhus sind hier genauso zu finden wie Weihen, Turmfalken, Habichte, Milane, Falken und zahlreiche Wanderraubvögel. Dazu kommen noch Geier, die auf der Suche nach einem frischen Mahl mit der Thermik fliegen, während nervöse Erdmännchen vor ihrem Revier wachsam nach Feinden Ausschau halten.

Die Kalahari lebt

Der weite Weg lohnt sich. In öder Halbwüste rauschen die Augrabies-Falls in die Tiefe, der Kgalagadi Transfrontier Park bietet ein unverfälschtes Kalahari-Erlebnis und reicht weit nach Botswana hinein – laut „abenteuer und reisen“ der erste länderübergreifende Nationalpark im südlichen Afrika. Hier trifft man nicht selten auf einen San, einen Buschmann, der fast nackt, mit Pfeil und Bogen bewaffnet, auf Pirsch geht und reiche Beute macht, um seine Familie zu ernähren. Für die Ureinwohner ist die Kalahari das Rückzugs- und heutige Hauptsiedlungsgebiet. Das kleinwüchsige Nomadenvolk gilt als das erste Siedlungsvolk Südafrikas und wurde – wie die Zulus - von den am Kap ansässigen Europäern gnadenlosen verdrängt.

 

Text: Renato Diekmann, Fotos: Renato Diekmann, South Africa Tourism (SAT)