Die Magie der Wildnis
Treuherzige Knopfaugen
Der Löwe hat seine Familie gut in Sicherheit gebracht. Hinter dem dichten Buschwerk verbergen sich zwei ausgewachsene Weibchen und acht tollpatschige Löwenbabys. Das eine zerrt verspielt an der prächtigen Mähne des Männchens, das andere massiert mit kleinen Pfoten unablässig das goldbraune Fell der Löwenmutter, was diese fauchend honoriert.
Fasziniert haben wir die Kameras gezückt und die putzigen Wollknäuel auf die Speicherkarte gebannt. Im offenen Land Rover durchqueren wir die unwegsame Buschlandschaft. Unerwartet springen Gnus, Kudus und Njalas durch verdörrtes, kniehohes Gras, Zebras suchen Schutz hinter den Stämmen einer kleinen Baumgruppe im Dickicht.
Begeistert, in kürzester Zeit so viele Tiere vor die Linse bekommen zu haben, setzen wir unsere Tour fort. Nach wenigen Kilometern wird die Gegend pechrabenschwarz, ja unheimlich. Zwischen den verkohlten Stämmen – Spuren eines wütenden Buschfeuers – reckt eine Giraffe ihren schlanken Hals hinauf zu den frischen Blättern, die aus den Baumresten grün hervor sprießen.
Keine Bewegung!
Schwarze Erde wechselt mit spärlichem Dornengebüsch und harten, braunen Gräsern, die unter der sengenden Sonne rasch vergilben. Im Schritttempo nähert sich der Wagen dichtem Gestrüpp. Was für ein Koloss! Geballte Kraft, mehrere Tonnen schwer, walzt durch das Dickicht auf uns zu. Eine Elefantenkuh hebt bedrohlich den Rüssel, posaunt durch die Luft. Das Tier baut sich in voller Größe vor uns auf, eine graue schnaufende Wand, wiegt den massigen Körper hin und her, legt die riesigen Ohren an. „Keine Bewegung“, ruft Wayne, unser Ranger, und greift vorsorglich zum Gewehr in der Halterung am Armaturenbrett des Fahrzeugs, „Elefantenkühe verstehen keinen Spaß“. Völlig ungeschützt sitzt auf der Motorhaube des Jeeps Tracker Michael. Unser Fährtensucher und Wildhüter vom Stamme der Shangaan ist im Busch aufgewachsen und kennt sich bestens aus mit den Tieren der Wildnis. Schließlich weicht die Kuh drei Meter zurück und stapft in Begleitung des Jungtiers davon. Offensichtlich hat sie festgestellt, dass von unserem Land Rover keine Gefahr zu befürchten ist.
Der Kampf des Überlebens
Im Licht der afrikanischen Sonne halten wir die Kamera in jede beliebige Richtung und drücken den Auslöser. Es gibt immer ein lohnendes Ziel. In keinem anderen Naturreservat trifft man auf so viele Tiere wie im Norden von Sabi Sand, das Teil des Krüger National Parks ist. Kaum haben wir die Elefanten hinter uns gelassen, versperrt ein Büffel unseren Weg. Er stampft die Hufen wütend in den Boden, dass es staubt; die Augen unter den mächtig geschwungenen Hörnern glotzen uns an. Auf den zuckenden Muskeln seines Rückens hüpfen ungestraft Madenhacker. Die Vögel mit den roten Schnäbeln und den leuchtend gelben Augenringen flüchten flatternd gen Himmel, als markerschütternde Schreie durch den Busch gellen, denen wir unverzüglich folgen. Eine Herde Impalas betrauert im Halbkreis eine gerissene Gazelle. Das blutjunge Tier befindet sich in den Klauen eines Leoparden, der wenig später seine Beute vor Hyänen auf eine knorrige Baumgabel in Sicherheit bringt.
Die Wut des Himmels
Die Hitze des Tages treibt das Thermometer auf 35° C im Schatten, die Luft ist feucht und schwül. Am einzigen Wasserloch im Umkreis von 30 Kilometern suhlt ein Nashorn im Schlamm, säuft, trabt dann, vom Instinkt getrieben, zielstrebig in den Schutz einer Mulde. In Sekunden verdunkelt sich der Himmel zu einem dramatischen Grau, wütende Wolken wachsen wie böse Geister, nehmen bedrohliche Formen an. Grelle Blitze durchzucken die schwarze Front im Osten, es donnert und kracht. Die Erde bebt, erschüttert Mark und Bein. Wie grauenvoll! Das Gewitter tobt über die Wildnis, entreißt dem Boden baumdicke Stämme, knickt sie wie Streichhölzer, wirbelt Äste durch die Luft. Mit rasender Geschwindigkeit peitscht der Orkan sintflutartig Regen und Hagel, hart wie Kieselsteine, vor sich her, rüttelt am offenen Geländewagen, dass uns angst und bange wird. Mit voller Wucht schlägt er ins Gesicht, bis wir die Hand vor den Augen nicht mehr sehen, und uns eng zusammenkauern gegen die unbändige Kraft des Himmels.
Schlagartig ist es mucksmäuschenstill. Wind und Regen haben ausgesetzt. Kein Lüftchen regt sich. Wir entdecken entwurzelte Bäume und zu allen Seiten ein Wirrwarr an zusammengeballten Sträuchern. Das Chaos einer wilden Wildnis. Trotz der Ponchos, die Wayne uns vorsorglich gereicht hatte, sind wir durchnässt bis auf die Knochen, aber heilfroh, den apokalyptischen Anfall der Natur heil überstanden zu haben. Jetzt geht es endlich weiter. Wir fahren durch die Dämmerung zurück ins Camp, der Himmel über uns entspannt sich.
Im Schutz urwüchsiger Eichen
Als am Horizont die Stroh gedeckten Häuser unseres Camps auftauchen, atmen wir erleichtert auf. In unserem sicheren Domizil prasselt das Lagerfeuer in der Mitte der Boma, wo im Halbkreis hübsch gedeckte Tische zum Dinner bitten. Im Schein der brennenden Fackeln zelebriert die Küchencrew das „Braai“. Bei dem beliebten südafrikanischen Barbecue werden riesige Rindersteaks, Lammkoteletts oder ganze Fische über Holzkohle gegrillt – Leckerbissen, die wir uns heute wahrlich verdient haben. Das üppige Buffet bietet neben allerlei schmackhaften Zutaten knackige Salate, frisches Gemüse, gebackene Kartoffeln und „Bobotie“, einen deftigen Hackfleischauflauf mit Aprikosen, Bananen und Reis, kräftig gewürzt mit feurigem Curry.
Die Elephant Plains Game Lodge liegt in einem blühenden Garten im Schutz urwüchsiger Eichen. Die traditionellen Rundhütten und Luxus-Chalets, durch einen schmalen Laufsteg aus Holz miteinander verbunden, sind wie Logenplätze auf die Natur gerichtet und fügen sich harmonisch ein in die ursprüngliche Landschaft. Die Chalets haben Namen wie „Zebra“ oder „Elephant“ und sind entsprechend eingerichtet. Auf Stelzen stehen sie am Hang oberhalb der baumbestandenen Ebene. Ihr saftiges Grün hat viele Tiere angelockt. Friedlich grasen Kaffernbüffel zwischen Kudus und einer Herde Impalas.
Seltsame Geräusche
Erschöpft, aber dankbar liegen wir auf weißen Laken im Bett, strecken alle Viere von uns, lassen die Hitze des Tages und die Strapazen des Wetters ein für allemal hinter uns. Die Bilder an den Wänden zeigen Leoparden in allen Lebenslagen. Sogar im Steinboden unserer Lodge sind die Pfotenabdrücke des Tieres kunstvoll verewigt. Unter dem aufgespannten Mückennetz lauschen wir den Geräuschen der Wildnis, hören Grillen zirpen, Frösche quaken, Äste, die unter den Füßen der Elefanten knacken, vernehmen seltsame Laute, die zu nachtschlafender Zeit nicht zuzuordnen sind. Da wird geflötet, gegluckst, gefiept und bedeutungsvoll geknurrt. Über die Ursprünglichkeit der Natur spannt sich magisch ein kosmischer Bogen mit funkelnden Sternen, und darunter leuchtet ein voller silberner Mond, zum Greifen nah, am Himmel hell und klar.
Text: Renato Diekmann, Fotos: Renato Diekmann, Tobias Koglin (1), South Africa Tourism (SAT, 4)

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