Die Königin der Adria

Dolcefarniente

Die Hitze des Tages und Bepis gleichmäßiger Riemenschlag befördern uns rasch ins Dolcefarniente. Wir lungern auf goldbestickten Kissen in der mit schwarzem Samt ausgeschlagenen Gondel und genießen das süße Nichtstun. Seelenruhig bahnt sich das aus sieben Holzarten asymmetrisch erbaute Boot einen Weg durch das Getümmel Venedigs. Mehr als 210 Palazzi und 15 Kirchen säumen die schönste Wasserstraße der Welt. Die repräsentativen Paläste entlang des Canal Grande sind riesig und aus edlem Naturstein. Hohe Bogenfenster, durch die sanft das Tageslicht streicht, verschnörkelte Balustraden und filigrane Ornamente zieren deren Fassaden. In den herrschaftlichen Gemächern gibt es vergoldete Dielen, großzügige Kamine aus istrischem Marmor und brokatbespannte Wände. Und in so manch einem Bett, dessen Pfosten mit Blattgold verziert sind, soll Giacomo Casanova die Frauen reihenweise verführt haben, verrät Bepi mit augenzwinkerndem Lächeln. Er kennt seine Geburtsstadt wie kein zweiter und ist einer der wenigen Gondoliere, der seinen Berufsstand, der im Laufe der Jahrhunderte von 10.000 auf rund 400 geschrumpft ist, eisern behauptet. Der helle kreisrunde Strohhut mit dem flatternden roten Band im Wind ist Teil seiner Tracht und schützt das lichte Haupthaar vor der sengenden Sonne.

Ein Meer aus Farben, Tönen und Gerüchen

Die rot-weiß markierten Gondelpflöcke im brackigen Wasser gehören zur Ca‘ Venier dei Leoni. In dem Palast residierte Peggy Guggenheim, die extrovertierte Galeristin aus New York, mit Schoßhund, eigener Gondole und phallischer Reiterstatue. Heute ist die ehemalige Residenz ein Museum mit außergewöhnlich schönen Kunstexponaten, die die Millionärin über Jahrzehnte zusammengetragen hat.

Auf den prächtigen Gebäuden rechts und links des Kanals liegt gleißend heller Glanz, Straßen und Plätze sind zu einem Gemenge von Farben und Tönen verwischt. Südländisches Temperament, wohin das Auge blickt. Langsam taucht der mit sechs Eisen beschlagene Bug Bepis schmaler Gondel in den Schatten der einbogigen Ponte Rialto. Das Wahrzeichen Venedigs ist ein architektonischer Glücksfall und gut besucht. Leider wird der Mix der Geschäfte (bis vor wenigen Jahren noch durch Silberschmiede und Juweliere geprägt) immer eintöniger. Längst beherrschen Billigmarken und kitschverdächtige Souvenirs das Bild des weltbekannten Bauwerks.

Chaotische Ordnung

Trotz reger Betriebsamkeit, hat auf Venedigs Hauptverkehrsader alles seine Ordnung. Um uns herum tuckern überfüllte Vaporetti, die hier seit 1881 zwischen den sechs Stadtteilen verkehren. Schnittige Boote, ausstaffiert mit poliertem Mahagoni und blitzendem Messing, zischen übers Wasser. In seinem Sog schaukeln sanft beladene Lastkähne mit allerlei Waren für den täglichen Bedarf der Geschäfte in den verzweigten Kanälen der Stadt. Es gibt viele Dinge, die das Leben in der autofreien Traumstadt erschweren, sagt Bepi mit Bedauern in der Stimme. Er spricht von unbezahlbar hohen Mieten, bemängelt die marode Bausubstanz der vernachlässigten Gebäude in der zweiten und dritten Reihe, beschreibt den endlosen Kampf der Handwerker, um den Verfall dieser Häuser zu stoppen, klagt über die Tücken des Lagunenklimas mit extrem hoher Luftfeuchtigkeit, unter der die Familien, die sich eine Bleibe in den alten Gemäuern leisten können, leiden müssen. Es heißt, die Wohnungen seien dunkel und muffig, nasskalt im Winter und stickig heiß im Sommer.

Venedig lebt

Die Königin der Adria muss leben!, ruft Bepi mit fester Stimme und reckt entschlossen einen Arm in die Höhe. Unter dem gestreiften Hemd steckt ein gebräunter, muskulöser Körper. Unzählige Tätigkeiten, die in anderen Städten längst wegrationalisiert sind, müssen hier noch von Hand durchgeführt werden. Die Marktstände, Bars, Restaurants, Hotels und Geschäfte werden mehrmals täglich vom Kanalboot aus mühselig mit frischer Ware versorgt, während die Handwerker unermüdlich sperriges Baumaterial durch die engen Gassen und Treppenhäuser schleppen. Besonders beschwerlich wird der Alltag bei Hochwasser und Überschwemmungen, die in Venedig leider zum Stadtbild gehören. Schnell werden dann überall Stege aufgebaut, auf denen man trockenen Fußes über den Markusplatz wandelt und durch die schmalen Gassen balanciert.

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Text: Renato Diekmann, Fotos: Renato Diekmann (19), wanblee (2)