Maskenzauber Serenissima

Die Stadt der Magie

Als wollte der Magier der Nacht noch einmal zurück ans Licht, tritt aus dem Schatten des Torbogens eine verhüllte Gestalt in das Gold der Abendsonne. Beängstigend regungslos steht sie hinter der Balustrade am Canal Grande. Mit stummer Miene verfolgt sie unsere Gondelfahrt auf dem Wasser -  unnahbar, geheimnisvoll und von unergründlicher Tiefe. Wollen ihre Blicke aus schwarzen Augenhöhlen uns auf ewig verwünschen oder verzaubern? Die Person trägt eine schlichte baútta, die an die Tragik eines Don Giovanni erinnert. Der dunkle Stoff fällt schwer zu Boden, ohne die Terrakottafliesen zu berühren. Der Umhang hätte gewiss auch dem (kastrierten) Sopranisten Farinelli gut zu Gesicht gestanden, der die Venezianer mit seiner glockenhellen Stimme faszinierte. Die offene Kapuze unter dem venezianischen Dreispitz mit goldener Spitze gibt eine faszinierende und zugleich kalt abweisende, bleiche Maske frei, die im Dunkel des Gebäudes so lautlos und geheimnisvoll entschwindet, wie sie gekommen ist. 

Willkommen in der Serenissima

Zu Lebzeiten Casanovas im 18. Jahrhundert erreichte Venedigs Karneval seine Blütezeit, weiß Bepi, unser Gondoliere, zu berichten. Zugleich uferten die Sitten immer weiter aus, was Napoléon Bonaparte veranlasste, das ausschweifende Treiben ein für alle mal zu untersagen. Erst 200 Jahre später fand 1979 die alte Tradition und Pracht ihre Fortsetzung als Touristenattraktion. Seitdem bezaubern besonders im Februar Phantasiemasken aus Bronze, Silber, Gold und Porzellan Venedigs Straßen und Plätze. Die kostümierten Gestalten, in farbenprächtige, reich bestickte Gewänder gehüllt, tragen faszinierende Hüte spazieren, auf denen üppiger Federschmuck, manchmal sogar bunte Vögel und kleine Schiffe mit geblähten Segeln kunstvoll drapiert sind. Mit geschmeidigen Bewegungen wandeln sie durch die Stadt und offenbaren in ihrer Vollkommenheit einen Anblick, der das Herz eines jeden Betrachters rührt. Besonders in den Morgen- und Abendstunden, wenn Venedig in eine tiefe Melancholie versinkt – in einen magischen Ort der Liebe und der strahlenden Schönheit, der Dekadenz, der rauschenden Feste und des Todes im Labyrinth geheimnisvoller Gassen und fauliger Kanäle, auf denen Gondeln Trauer tragen.

Kostbare Schätze

Venedig ist auf dem Wasser erbaut. Millionen Stämme bilden die Basis für Paläste, Kirchen, Türme und Brücken, sagt Bepi und steuert die Gondel geschickt durch das beeindruckende Entree des Canal Grande auf die Piazza San Marco zu. Die sinkende Sonne spielt auf der zitternden Oberfläche des Wassers, vergoldet die mächtigen Kuppeln der Kirche Santa Maria della Salute und verstärkt den Reiz der großen Kulissen und belebten Plätze mit dem bunt gemischten Publikum, das vom morbiden Charme der Lagunenstadt magisch angezogen wird. Bevor Bepi am Molo festmacht, um uns in den Zauber der Serenissima zu entlassen, preist er den einmaligen Blick von der Glockenstube des Campanile auf Venedig, der den Dogenpalast, die Arkadenreihen der Biblioteca Marciana und die Basilika di San Marco auf dem Markusplatz spitz überragt. Die Mosaiksteine an den fünf bogenförmigen Portalen der Urkirche Venedigs funkeln mit dem Marmorgesprenge und Granitschmuck um die Wette.

Dolce Vita

So voll, so lebendig und bunt, so laut und berühmt ist kein anderer Platz der Welt. Auch nicht so fein und so teuer. Geigen erklingen, Leute lachen, Gläser klirren. Das Gurren der Tauben mischt sich mit Kaffeehauswalzer und babylonischem Stimmengewirr. Im historischen Caffé Florian kostet der Cappuccino 8 € ohne, und 15 € mit Musik, die von Männern mit Pomade im Haar zelebriert wird. Seit fast 300 Jahren hat kaum ein Venedig-Gast auf einen Besuch im „Florian“ verzichtet, schon wegen der hohen, goldgerahmten Spiegel, kunstvollen Holzmalerei und kostbaren Wandintarsien über den plüschig roten Velours-Bänken. Trotz der gepfefferten Preise schlürfen wir Champagner aus geschliffenem Muranoglas und sinnieren, ob wir vielleicht an dem Tisch sitzen, an dem Casanova die Frauen umgarnt hat.

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Text: Renato Diekmann, Fotos: Renato Diekmann (21); über Wikipedia: nostra fotografica (1), oxxo,(3), Twice & Rimina (1), wanblee (1)