Fachwerk, Rubens & Landluft

Das Herz der Region

An sonnenklaren Tagen reicht die Sicht vom Siegerländer Höhenweg bis in die Kreis- und Universitätsstadt Siegen, das Herz der Region Siegerland-Wittgenstein. Im Mittelalter hatten sich hier die Zünfte der Lohgerber und Fleischer niedergelassen. Von den vielen kleinen Hammerschmieden und Hüttenbetrieben, die es einst in Siegen gab, ist nichts geblieben. Nur die engen Gassen der Altstadt und die Symbolfiguren für Bergmann und Hammerschmied, Henner und Frieder, am Kopf der Siegbrücke, erinnern an das Siegen von gestern. Heute dominieren das Stadtbild Geschäfte und Boutiquen rund um Rathaus und Nikolaikirche, deren Kirchturmspitze mit einer goldenen Krone geschmückt ist. Das tonnenschwere „Krönchen“ hat Fürst Johann Moritz von Nassau-Siegen gestiftet. Den Katholiken trifft man in der Stadt auf Schritt und Tritt. Schon zu Lebzeiten ließ er sich seine Grabstätte bauen, im Unteren Schloss, wo er bis heute die Beine hochlegt. Das darf er auch, denn längst sind alle konfessionellen Gegensätze und Erbstreitigkeiten beigelegt. Nassauer gegen Oranier, Katholiken gegen Protestanten, Reformation und Gegenreformation – all das ist Geschichte.

Der Sohn der Stadt

Geblieben ist das prunkvolle Untere Schloss, heute Verwaltungssitz der Stadt. Von hier aus führt der Weg hinauf zum Siegberg ins Obere Schloss. Es beherbergt das Siegerlandmuseum, in dem der Mann zu Hause ist, den die Siegener gerne als den größten Sohn ihrer Stadt bezeichnen: Peter Paul Rubens. Ob der flämische Maler das auch so sah, ist nicht bekannt. Er wurde jedenfalls am 28. Juni 1577 in der Burgstraße 10 geboren, weil man seinen Vater wegen eines Seitensprungs in höchste Adelskreise ins Exil nach Siegen verbannt hatte.

Kunst der Gegenwart

Im Gebäude des Alten Telegrafenamtes findet zeitgenössische Kunst ihren Platz. Zu den Exponaten gehören zentrale Werke europäischer Künstler, die mit dem Rubenspreis der Stadt Siegen ausgezeichnet wurden, darunter Giorgio Morandi, Francis Bacon und Lucian Freud. Die sehenswerten Ausstellungen wechseln in regelmäßigen Abständen und beleuchten das nordrhein-westfälische Alltagsleben unter immer neuen Aspekten. Besonders beeindruckten mich Hilla und Bernd Bechers umfassende Fotoarbeiten zum Thema „Ruhrpottindustrie“. Und mit dem Portrait-Zyklus „Antlitz der Zeit“ faszinierte exemplarisch das singuläre Werk des Siegerländer Fotografen August Sander. Das Museum für Gegenwartskunst grenzt gleich an die Fußgängerzone Alte Poststraße, die in die belebte Kölner Straße mündet, wo der Gast in modernen Einkaufszentren, Cafés und urigen Kneipen schnell und unkompliziert Anschluss findet.

Zwischen Rubens und Landluft

Bummeln, Shoppen und Wandern machen Hunger und Durst. Da kommen Manfred und Dirk Rosenkranz' "Gequallde Gestallde" in der "Pfeffermühle" zu Siegen gerade recht. Das landestypische Gericht aus gestampften Pellkartoffeln mit Äpfeln, Zwiebeln, Speckwürfeln und einer Béchamelsauce, rafffiniert abgeschmeckt mit Muskatnuss, Petersilie, Pfeffer, Salz und einer Prise Zucker, wird am liebsten mit herzhaften Schweinesteaks, gelegentlich aber auch mit Dickmilch und gebratener Blutwurst serviert. In dem gemütlichen Restaurant des traditionsreichen Familienhotels "Pfeffermühle" gibt es außer Siegerländer Spezialitäten selbtverständlich internationale Gerichte, freundliche Komfort-Zimmer im Landhausstil, Tagungsräume mit modernster technischer Ausstattung, den festlichen Spiegelsaal und die Weisstalhalle für große Veranstaltungen aller Art. 

Wo Paul McCartney schlief

"Zwischen Rubens und Landluft" (eine Initiative des Touristikverbandes Siegerland-Wittgenstein in Zusammenarbeit mit heimischen Landwirten, Metzgerein, Bäckereien und Gastronomen) lässt es sich wunderbar schlemmen! So auch im „Fiester Hannes“ im idyllischen Fachwerkdorf Holzhausen bei Burbach, dem Ausgangspunkt meiner Wandertour. In dem stilvollen Restaurant des kleinen charmanten Hotels, in dem schon Paul McCartney übernachtet hat, werden Gerichte zu gutbürgerlichen Preisen serviert, die durchschnittliche Restaurantbesucher ebenso zufriedenstellen wie Gourmets. Ich werfe einen Blick auf die Speisekarte und habe die Qual der Wahl zwischen Roulade vom Siegerländer Weideochsen mit Spitzkohl und Kartoffelpüree oder Seeteufel mit Kapern und Oliven in weißem Tomatenfond mit Gnocchi. Küchenchef Michael Debus zaubert von der Vorspeise bis zum Dessert alles frisch auf den Tisch, erklärt bereitwillig die hohe Kunst des Kochens und beweist mit köstlichen Gerichten, wie delikat im Siegerland gegessen wird.

Architektonische Schmuckstücke

Rothaarsteig und die schöne, abwechslungsreiche Landschaft mit Burgen, Schlössern und historischen Orten sind „kleine Fluchten“ für die alltagsgeplagte Seele. In letzter Zeit wurden die alten Zentren mit Sorgfalt und viel Liebe zum Detail restauriert. Die geschlossenen Gebäude-Ensemble bilden städtebauliche Schmuckkästchen. Ein Juwel erster Güte ist der Luftkurort Freudenberg mit seiner romantischen Fachwerkkulisse (siehe Titelfoto). Hier stehen die wunderschön renovierten Fachwerkhäuser noch akkurat in Reih und Glied. Das Herz der sympathischen Stadt zeugt von mittelalterlicher Baukunst mit malerischer Giebelparade. 1456 erhielt der „Alte Flecken“, wie er liebevoll genannt wird, die Stadtrechte. 1540 brannte Freudenberg fast bis auf die Grundmauern nieder, 1666 ein zweites Mal. Wilhelm der Reiche und Fürst Johann Moritz lassen sie neu aufbauen und vermutlich erhielt der „Alte Flecken“ schon damals seine streng geometrische Form, die noch heute von allen bewundert wird. Die schmalen Gassen, Treppen und Hinterhöfe zwischen den hübsch gepflegten Häusern sind voller Charme und Blumenpracht, die hölzernen Eingangstüren, hinter denen sich auch gemütliche Lokale finden, mit Intarsien kunstvoll verziert.

Ein Haus, das „Schule macht“  

Die letzte Nacht auf dem Weg der Sinne verbringe ich bei Silvia Köster und Andreas Benkendorf. Das engagierte Paar betreibt im historischen Stadtkern von Bad Berleburg das schöne Hotel-Restaurant „Alte Schule“. Das gepflegte Restaurant und gemütliche Herrenzimmer mit Bibliothek und offenem Kamin sind mit hübschen Möbeln und Accessoires ebenso stilvoll eingerichtet wie die 10 Gästezimmer. Hier genieße ich nach langer Wandertour das wohlverdiente Schaumbad zur Entspannung, aale mich in der freistehenden Wanne vor dem weit geöffneten Bogenfenster mit Blick auf das Schloss der Fürsten zu Sayn Wittgenstein, träume mich dem sichelnden Mond und den funkelnden Lichtern der Milchstraße entgegen, höre die Grillen zirpen. Danach kuschel ich mich dankbar ins Bett, zähle Schäfchenwolke um Schäfchenwolke, bis ich selig in den siebten Himmel entschwebe. Erst der Gesang der Vögel am nächsten Morgen erinnert an mein irdisches Glück. Ich begrüße den neuen Tag, genieße den Sonnenaufgang bei einem üppigen Frühstück und freu mich auf neue spannende Erlebnisse.

> lesen Sie auch Teil 1 "Auf dem Weg der Sinne".

tvsw-logo_2.jpg vom 30.03.2009

 

Text: Renato Diekmann, Quelle: TVSW, WDR; Fotos: R. Diekmann (11), K.P. Kappest, H.P. Kehrle/Alte Schule, K.-H. Schlabach, Alexander Völkel, Stadt Freudenberg, Stadt / Altstadt Siegen, CityGalerie Siegen, Sparkasse Siegen, Landkreis Siegen-Wittgenstein, Hotel Pfeffermühle/hype-media.de