Die Diva der Nordsee
Glänzender Auftritt
Moritz Luft, Geschäftsführer der Sylt Marketing GmbH, muss es wissen: Sylt kann glänzend auftreten, faszinierend düster, hemmungslos grell und ausschweifend laut. Egal, was die Insel veranstaltet, sie provoziert Aufmerksamkeit. Und genießt das Interesse. Eine deutsche Diva, mitten in der Nordsee, mit hohem Freizeit- und Erlebniswert. Mit Sterneküche und großem Staraufgebot. Mit langer Tradition und frischen Trends. Mit Nightlife, das nicht enden will, und Tagen, die es in sich haben. Dass diese Insel auch bemerkenswert leise und bescheiden sein kann, mag im mitreißenden Strudel der Schickeria-Eitelkeiten und des Massentourismus gelegentlich untergehen.
Sylt ist für alle da
Sylt ist nicht nur die Insel versnobter Schöner und Reicher, die Schampus und Crevetten zu dünenhohen Preisen konsumieren, wie man gemeinhin annimmt. Sylt ist vor allem ein Naturparadies für jedermann. Jahr für Jahr steuern Menschen wie du und ich, Junge und Alte, Prominente und Unbekannte, Nobelkarossen, Sport- und Kleinwagen, Biker, Zug- und Fahrradfahrer die Insel mit der Zielstrebigkeit eines Fischschwarms an. Sie kommen im Frühjahr und Sommer, wenn Heckenrosen, Ginster und Heide blühen, wenn im Juni das Meer zum Baden einlädt und die Nächte so kurz und hell sind, dass man kaum schlafen mag. Und sie kommen im Herbst und Winter, wenn die Luft glasklar ist und die Insel aufzuatmen scheint, weil der Strom der Urlauber abebbt, man den Strand fast für sich allein hat und die Urkraft des Meeres mit allen Sinnen spürt – Ebbe und Flut, die salzige Luft, die tosende Brandung und der aufbrausende, stürmische Wind, der mit Macht die Wellen der Nordsee über den Strand an die Dünen treibt. Das Inselklima hat seinen Reiz. Es lindert die Symptome chronischer Haut- und Atemwegserkrankungen, tut Allergikern gut, regt den Stoffwechsel an, und trainiert ganz nebenbei, als stiller, ständiger Begleiter, das Immunsystem.
Naturschauspiel und -bedrohung zugleich
Sylts tosende Brandung ist faszinierendes Naturschauspiel, prickelndes Badevergnügen und Bedrohung zugleich. Jährlich fallen dem Meer etliche Quadratmeter Küste zum Opfer. Am Roten Kliff zwischen Wenningstedt und Kampen kommt es bei Sturmfluten immer wieder zu dramatischen Abbrüchen der Steilküste. Noch mehr gefährdet ist die Hörnum Odde an der Südspitze der Insel. Der kilometerlange weiße Strand wird von der Nordsee regelrecht unterspült und von Jahr zu Jahr mehr und mehr zurückgedrängt. Für den Küstenschutz der Insel sind deshalb große Mengen Sand nötig. Sven Paulsen, Geschäftsführer der Sylter Verkehrsgesellschaft und der Adler Schiffe GmbH & Co. KG will zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und den Sand am Lister Tief entnehmen. Dann könnten auch die ganz großen Kreuzfahrtschiffe vor List vor Anker gehen und zusätzliche Gäste gewonnen werden. Die Kreuzfahrer könnten sich beim Landgang ein Bild von der Insel machen und gegebenenfalls für einen längeren Urlaub auf Sylt wiederkehren.
Gegensätze ziehen sich an
Insulaner wie Gäste lieben diese Insel. Wer hier lebt bzw. es sich finanziell leisten kann, hier zu leben, ist mit Leib und Seele Sylter, und wer die Insel einmal besucht hat, kommt immer wieder. Zum Beispiel nach Kampen, in den Ort der Gegensätze, dem Treffpunkt der Schickeria, die im Strandkorb schon mal Dom Pérignon schlürft und eine Heizung in ihren Briefkasten einbauen lässt, damit die Post nicht feucht wird, wie Lifestyle-Expertin Inga Griese unlängst so treffend formuliert hat. Für die einen ist der Ort ein Eldorado der Nackten und Reichen, der Aufsteiger, Playboys und Playgirls, die – wie früher Brigitte Bardot und Gunther Sachs – die Nacht zum Tag machen. Vor allem in der „Whiskystraße“, im Strönwai, wo Juweliere, Schmuck- und Designer-Boutiquen, Disko und Gourmetlokale der oberen Preisklasse auf zahlungskräftige Kundschaft warten, während Ferrari, Porsche und Co. auffällig oft die Runde drehen. Hauptsache auffallen! Am Strönwai zählt noch sehen und gesehen werden. Für die anderen, Ärzte, Rechtsanwälte, Verleger, Industrielle und Künstler, die sich jenseits der Hauptstraße am Hoogenkamp in ihre Villen zurück ziehen, ist Kampen ein Hort der Ruhe und Inspiration. Hier findet jeder, was er sucht. Nicht nur Dieter Bohlen oder die Begum verbringen in Kampen unterhaltsame Tage, auch Maler und Schriftsteller wie Heinrich Vogeler, Thomas Mann, Carl Zuckmayer, Max Frisch und Emil Nolde entdeckten den Ort für sich. Hier haben ein unendlicher Himmel und der Zauber des Meeres den führenden Maler des Expressionismus aus Nolde in Nordschleswig zu seinen schönsten Bildern inspiriert. Und wer den Sonnenuntergang am Roten Kliff erlebt, weiß um die Faszination und Schönheit dieser Insel im Nordwesten Deutschlands mit seinen typischen Landschaftsformen: Brandungszone, Strand und Kliff, Dünen und Heideflächen, Wattwiesen und Watt.
List ist keine Täuschung
List im Norden der Insel ist umgeben von Naturschauspielen. Wie eine bizarre Mondlandschaft dehnen sich Deutschlands einzige Wanderdünen Richtung Südosten aus. Eine von drei Dünen ist besonders aktiv. Zwischen drei und sechs Meter pro Jahr rückt sie angeblich vorwärts. Nördlich davon schmiegt sich um den vogelreichen Königshafen, wo ertragreich Austern gezüchtet werden, die wohl bekannteste Landzunge der Republik: der Ellenbogen – eine Halbinsel mit einer weitläufigen Naturlandschaft, die seit mehr als 250 Jahren in Privatbesitz ist und nur gegen Maut befahren werden darf. Nirgendwo sonst ist die Brandung so gewaltig. Nirgendwo sonst bietet sich eine derart sportliche Herausforderung für Surfer aus aller Welt. Und nirgendwo sonst kommen Austern, die als Sylter Royal europaweit vertrieben werden, frischer auf den Tisch als in List. Wer die nördlichste Gemeinde Deutschlands besucht, ohne bei Dittmeyer’s Austern Company oder Gosch eingekehrt zu sein, kennt den Ort nur halb. Gosch, vor 20 Jahren noch eine schlichte Fischbude, ist hier inzwischen eine Institution, auf der Insel gleich sieben Mal vertreten und nicht zu übersehen. Mit Blick auf die Syltfähre und die Kreuzfahrtschiffe, die immer häufiger vor List auf Reede liegen, schmecken Matjes und Scholle, Kabeljau und Riesengarnele auf der umlaufenden Hafendeck-Terrasse doppelt so gut.
Ganz großes Kino
Wer mehr über die Kräfte der Nordsee, über die Natur und das Wetter erfahren will, wer das Weltklima aus Sicht eines Astronauten betrachten, Wellen selbst erzeugen oder im Sturmraum sich hautnah dem Wind aussetzen will, findet all dies im Erlebniszentrum Naturgewalten an der Hafenstraße in List. Die Ausstellung mit ihren vielen interaktiven Elementen und Modellen ist ebenso lehrreich wie eine Wattwanderung selbst. Spannend und aufschlussreich ist auch ein Ausflug mit dem Kutter „Gret Palucca“. Mit Peter, einem erfahrenen Seemann, geht es auf Fischfang hinaus auf das offene Meer. Während der Fahrt wird ein Schleppnetz zu Wasser gelassen. Die Ausbeute, die schließlich an Deck der Palucca in einer Kiste zappelt, ist beachtlich und reicht von Seeteufel(chen), Scholle, Seestern und Einsiedlerkrebs bis hin zu Seeschnecke, Muschel, Auster und Seeskorpion – für ganz Mutige auch zum Anfassen! Auf der Fahrt zurück in den Lister Hafen bestaunen die kleinen und großen Kutter-Passagiere aus einiger Entfernung auf einer Sandbank die in der Sonne dösenden Seehunde und Kegelrobben.
Lesen Sie auch Sylt, Teil 2
Text: Renato Diekmann, Fotos: Renato Diekmann, C. Kasermann (1)

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