Eine Insel für alle

Zwischen Kapitänshaus und Galerie

Archsum, Keitum, Morsum, Munkmarsch und Tinnum bilden die grüne Lunge der Insel Sylt. Soweit das Auge reicht: Weite Felder, saftige Salzwiesen und eine Heidelandschaft, die bis an den Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer reichen. Alles was man mit norddeutscher Friesenidylle verbindet, findet sich in Keitum, verspricht Silke von Bremen, Inselexpertin und zertifizierte Gastführerin auf Sylt: Verschlungene Wege, von jahrhundertealten Friesenhäusern gesäumt, erzählen von einer Zeit, als Keitum noch der Hauptort der Insel war und die Familien von der Seefahrt lebten. Wer einen Bummel durch kleine Boutiquen und Galerien mit dem Erkunden romantischer Gassen und alter Kapitänshäuser unter schattigen Kastanienbäumen verbinden möchte, sollte für das historisch gewachsene Dorf ruhig einen Tag einplanen. Viele Werkstätten der Kunsthandwerker liegen am Weg nach St. Severin, der ältesten (Wehr)Kirche Sylts. Vom Kirchturm reicht der Blick bis hinüber nach Morsum, wo Menschen durch die eigenwillige Insellandschaft zum imposanten weißen Kliff wandern, das zu jeder Tageszeit ein anderes Spiel von Licht und Farbe zeigt. Während die privaten Yachten in Munkmarsch maritimes Flair vermitteln, in Braderup Künstler fortwährend neue Kunstwerke schaffen, in Archsum Natur- und Pferdeliebhaber Urlaub auf dem Bauern- bzw. Reiterhof machen, vertritt das zentral gelegene Tinnum mit etlichen Industriebetrieben nahe der Stadt den unternehmerischen Mittelstand der Insel.

Das Monaco der Friesen

Friesen-Monaco nennen Sylts Einwohner die Inselmetropole Westerland. Ihre überwiegend einfallslose Architektur erinnert an den Wirtschaftboom der fünfziger und den Charme der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Um die Gästezahlen weiter in die Höhe zu treiben, rissen Bulldozer jahrzehntelang tiefe Wunden in die Natur und ersetzten die Heide durch Betonburgen, in denen sich Appartements und Hotelzimmer wie Schuhkartons übereinander stapeln. Abseits der Strand- und Friedrichstraße, die Einwohner und Gäste als Fußgängerzone, Einkaufs- und Vergnügungsmeile schätzen, ducken sich gelegentlich historische Gebäude und Häuser in traditionellem Ambiente vor öden Betonklötzen – etwa das Hotel Stadt Hamburg. Nur Rathaus samt Spielbank und das Seehotel Miramar mit seiner klassischen Fassade bezeugen die gute alte Zeit. Gottseidank hat man rechts und links der Himmelsleiter auf wuchtige Bettenburgen verzichtet und das Stadtbild aufgelockert durch das Sylt Aquarium, das Kurmittelhaus und die Sylter Welle, ein aufwändig restauriertes Gebäude mit gläsernem Bug, Meerwasser-Wellenbad, Geysiren, Saunawelt und Wellnessparadies, Wildwasserkanal und orangeroter Wasserrutsche. Ein ausgiebiger Spaziergang über die breite, belebte Kurpromenade, Teil des 7 km langen Sandstrandes, lässt die Bausünden aus vergangener Zeit zum Glück schnell vergessen – besonders während der beliebten Strand- und Kurkonzerte.

Kein Stätt ist so nett

Westerland und Wenningstedt gehen fast nahtlos ineinander über. Wenningstedt’s sagenumwobener Friesenhafen ist längst Geschichte und wurde vor vielen hundert Jahren von einer verheerenden Sturmflut heimgesucht, weiß die Gastführerin Silke von Bremen: Bis auf den ungewöhnlichen Namen haben die Bewohner kaum etwas retten können. Kein Stätt ist so nett wie Wenningstedt, soll der Schauspieler Heinz Schubert (alias Ekel Alfred) festgestellt haben, dessen Tochter heute als Bürgermeisterin die Geschicke von Wenningstedt lenkt.  Neben einer großen Auswahl an Apartments und Familienunterkünften hat der Ort viel Sehenswertes zu bieten: z. B. Norddeutschlands besterhaltenes Hünengrab aus der Steinzeit, einen idyllischen Dorfteich mit Enten und zwei kleinen Vogelinseln, ein schmuckes Commandeurhaus, alte Friesenkaten, die höchste Strandtreppe und den längsten Kliffwandersteg mit Blick auf Strand, Dünen, Leuchtturm und Meer.

Sansibar wäre ein trifftiger Grund

Rantum, das Friesendorf mit hübschen reetgedeckten Häusern in gepflegten Gärten, verbinden viele Besucher mit der Sylt-Quelle und dem Restaurant „Sansibar“. Über die Jahre hat sich die in den Dünen gelegene Holzhütte vom schlichten Strand-Kiosk zum Gault-Millau-prämierten Gourmet-Tempel entwickelt, in dem Touristen und viele Prominente in ungezwungener Atmosphäre zu Mittag essen oder ihr Dinner einnehmen und den Blick auf die Nordsee  genießen, wo gelegentlich Kreuzfahrtschiffe auf Reede liegen – und jedes Jahr im Juli die „Europa“ auf „Sansibar“ trifft (MS Europa meets Sansibar). Und niemand wundert oder stört es, wenn am Nebentisch im stets gutbesuchten Lokal das Topmodel des Jahres mit einem bewunderten Fußballidol flirtet, oder ein beliebter Schauspieler und bekannter Fernsehkoch zu Kaviar, Sushi oder hausgemachter Currywurst Roederer Cristal trinken – die Flasche zum Preis von 390 Euro. Im Keller lagern 30.000 Flaschen Wein, fast 1.100 Sorten – ein Tropfen edler als der andere. Vor oder nach dem Essen lässt sich entspannt der kilometerlange Strand oder das Rantumbecken, Sylts Vogelschutzgebiet, erkunden, in dem seltene Arten zuhause sind und ihren Nachwuchs hegen und pflegen.

Sylts Süden blüht auf

Mehrmals täglich legen im geschützten Hafen von Hörnum, der im 15. Jahrhundert Seeräubern als Schlupfloch diente, die Ausflugsschiffe ab zu den Seehundsbänken und Nachbarinseln Amrum und Föhr. Mit etwas Glück begegnen Syltreisende der Kegelrobbe Willi, die sich aus Bequemlichkeit im Hafenbecken von Hörnum mit Hering und Krabben füttern lässt, die hier noch reichlich gefischt werden. Lange Zeit galt der Ort im Süden der Insel als rückständige Gemeinde und wurde entsprechend stiefmütterlich behandelt. Mit der Eröffnung der Appartementanlage Hapimag und des 5-Sterne-Hotels Budersand, das nicht nur einen Golfplatz vorzuweisen hat, sondern auch eine Bibliothek, die von Elke Heidenreich höchstpersönlich mit 1.200 Büchern eingerichtet wurde, hat die Gemeinde ihr Image als langweiliges Provinznest abgelegt. Zu den vornehmen Nachbarorten Kampen, Keitum und Wenningstedt schließt Hörnum zügig auf, was nicht bei allen Einwohnern des Ortes auf Begeisterung stößt. Nach Angaben der Gemeindeverwaltung sind mit dem Zuwachs an 100.000 Übernachtungsgästen in 2009 die Einnahmen aus der Kurtaxe um 30 Prozent gestiegen. Leider auch die Preise für Häuser: Früher kosteten Haushälften 300.000 Mark, heute sind es 450.000 Euro. Sylt bleibt eben Sylt.

www.sylt.de

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Text: Renato Diekmann, Fotos: Renato Diekmann, Jana Ebert (2), Hapag Lloydt Kreuzfahrten (1)