Zu Gast bei den Göttern
Ein Produkt der Liebe
Auch wenn die Hellenen pleite sind und nur noch mit Krediten über Wasser gehalten werden können, ist Griechenland schön und gastlich wie eh und je und zum Glückk noch ungefährlich für Touristen. Zum Beispiel die Sonneninsel Rhodos, das Paradies antiker Götter, die auf Erden Landbesitz beanspruchten. Dem Mythos nach wurde Rhodos von Göttervater Zeus dem Sonnengott Helios zugesprochen. Und Pindar, der weiland in Griechenland lebende Dichter aus dem ägyptischen Theben, schreibt in einer seiner Oden, die Insel sei das Produkt der Liebe des Helios zur Nymphe Rhoda gewesen - ein erfreuliches Ergebnis.
Traumziel im Mittelmeer
Trotz so bedeutender antiker Götter und Mythen muss sich auf Rhodos niemand als Fremder fühlen. Die Insel ist modern und weltoffen, die Menschen sind gastfreundlich, hilfsbereit und zuvorkommend. Umso verständlicher ist, dass der vielen Sonnenstunden wegen nicht nur Helios, sondern Gäste aus aller Welt die Hauptinsel der Dodekanes zu ihrem Traumziel im Mittelmeer auserkoren haben. Für Alfred Biolek, der als Hausbesitzer in Griechenland mehr Zeit verbracht hat als irgendwo sonst im Ausland, ist es das bezaubernde Licht der Ägäis, der kühlende Wind im Hochsommer, die phantastische Landschaft der Inselwelt, die fröhlichen Menschen und antiken Mythen.
Grünes Reich der Natur
Griechenlands viertgrößte Insel ist überraschend grün, teilweise dicht bewaldet und beschattet von italienischen Zypressen, Aleppo-Kiefern, Edelkastanien und Dattelpalmen. Für das üppige Grün auf der Insel sorgen nicht weniger als sieben Flüsse, die im „Tal der sieben Quellen“ in der Nähe von Kolimbia entspringen. Unter weißen Sonnenschirmen an endlos langen Stränden wird gefaulenzt, und in kleinen verschwiegenen Buchten gibt es Beach-Sofas für romantische Stunden zu zweit. Stille Bergdörfer und mittelalterliche Burgen, hinter deren Mauern sich Johanniter erfolgreich gegen Angreifer verschanzten, wachen über Insel und Meer. Auf den Terrassen der rhodischen Häuser blühen Bougainvilleas in prächtigen Farben. Und mit etwas Glück sieht man putzige Kätzchen mit Knopfaugen im Schutz eines Olivenbaumes umhertollen. In der Naturlandschaft wachsen Ginster, Amber- und Maulbeerbäume, gedeihen Zitrusfrüchte, Riesenmelonen, Oliven, Wacholder, Pinienkerne, Kräuter und wildes Gemüse. Bunte Deckenfresken in ehrwürdigen Klöstern, vergoldete Altäre und mit Silber ausstaffierte Ikonen in byzantinischen Kirchen bitten zur inneren Einkehr. Als Erbin von einer sagenhaften, wechselvollen Geschichte, die dramatischer nicht sein kann, ist die Insel reich an kulturellen Schätzen. Wegen ihrer strategisch guten Lage am Schnittpunkt wichtiger Seewege im östlichen Mittelmeer wurde Rhodos immer wieder besetzt, umkämpft und geplündert, die Menschen ausgebeutet und zutiefst gedemütigt – 1943 auch von den Nazis, die etwa 2000 Juden in deutsche Konzentrationslager deportierten und dort größtenteils ermordeten.
Faszinierende Zeitzeugen
Wer durch die faszinierende Altstadt von Rhodos schlendert, begegnet in der Metropole an der Nordspitze der Insel allerlei historischen Zeitzeugen. Sie lenken den Blick auf die griechische Antike, die Epoche der Kreuzritter und die Zeit der türkischen und italienischen Besetzung. Einwohner und Gäste wohnen hier in Jahrhunderte alten Häusern im Schutze einer 4 km langen Mauer, die Rhodos-Stadt umgibt. Der Schutzwall wurde 1309 von den Johannitern erbaut und nach feindseligen Überfällen immer weiter befestigt. Früher hielt die bis zu 20 m hohe und 12 m dicke Mauer über dem 25 m breiten Wallgraben feindliche Truppen davon ab, die Stadt einzunehmen, heute hält sie die Invasion endlos langer Blechlawinen, die draußen vor den Toren parken müssen, vom Stadtkern fern. Dadurch bleibt die Altstadt bis auf den notwendigen Anlieger- und Lieferverkehr von Autos und Bussen verschont. Die historischen Straßen und Plätze sind nicht nur autofrei, schön und romantisch, sondern so gut erhalten, dass sie als Kulisse für zahlreiche, im Mittelalter spielende Filme dienten. Außerdem versprüht die von der UNESCO 1988 zum Weltkulturerbe ernannte Altstadt so viel Charme, dass man tagelang in ihr spazieren gehen kann, ohne sich zu langweilen.
Bezaubernde Atmosphäre
Die Süleyman-Moschee, eine der prächtigsten türkischen Gotteshäuser, zahlreiche byzantinische Kirchen, Paläste aus der Ritterzeit und Grundmauern antiker Tempel, eine Synagoge, ein türkisches Bad und der viereckige Uhrturm mit Aussichtsplattform und Café-Bar bilden ein harmonisches Ensemble, stellt Klaus Bötig, Reiseautor und Rhodos-Liebhaber, erfreut fest. Er lebt meist in, für und überwiegend von Griechenland, wie er sagt, genießt das stimmungsvolle Flair der Lokale in uralten Gewölben oder auf sonnigen Terrassen mit weitem Blick über Dächer und Festungsmauern. Viele kleine Geschäfte säumen den Hippokratesplatz mit seinem Eulenbrunnen, den man durch das Thalassini-Tor im Schatten zwei wuchtiger Rundtürme mit wenigen Schritten erreicht. Dem verlockenden Angebot der Läden in der Odós Sokrátous, der Flaniermeile von Rhodes-Stadt, zu widerstehen, fällt besonders im Urlaub schwer. Und vom bunten Markttreiben im türkischen Viertel der Altstadt lässt sich der Gast ohnehin sofort mitreißen. Das wegen Baufälligkeit 1980 abgerissene Minarett wurde 2005 wieder originalgetreu aufgebaut.
Der Palast der Großmeister
Am höchsten Punkt der Altstadt erhebt sich eindrucksvoll der von den Italienern frei rekonstruierte Großmeisterpalast, der gar nicht so alt ist wie er aussieht. Nachdem große Teile der ursprünglichen Burg 1865 durch die verheerende Explosion eines Pulverlagers zerstört wurden, begann unter dem Faschisten Benito Mussolini der Wiederaufbau in den 1930er Jahren. Die kunstvollen Bodenfliesen von der Insel Kos in den viel zu protzigen Sälen des Obergeschosses, die es im historischen Großmeisterpalast nie gegeben haben kann, bescherte der Rekonstruktion berechtigte Kritik. In einem Saal können Besucher übrigens die Kopie des berühmten Laokoon, des Poseidon-Priesters aus der Stadt Troja besichtigen, der den Zorn der Göttin Athena heraufbeschworen haben soll, weil er versucht hatte, seine Mitbürger vor der List des hölzernen Pferdes zu warnen. Eine informative Ausstellung im Erdgeschoss des Palastes beleuchtet das Leben der Menschen in der Antike und im Mittelalter auf eindrucksvolle Weise.
Symbole der Macht
Eine besondere Sehenswürdigkeit ist die kopfsteingepflasterte Ritterstraße. Die einzige spätmittelalterliche Wohnstraße Europas führt direkt zum Großmeisterpalast des Johanniterordens. Rechts und links der Straße reihen sich die schlichten Herbergen der sieben Landsmannschaften (Zungen), die im Orden der Johanniter zusammengeschlossen waren. Die trutzige Festung symbolisiert aber auch die unumschränkte Macht, die der Großmeister Foulques de Villaret und seine Nachfolger recht willkürlich ausgeübt und missbraucht haben müssen. Während der Kreuzzüge spielte der katholische Mönchsorden leider eine sehr unrühmliche Rolle. Er pflegte nicht nur Alte, Kranke und Obdachlose, sondern zog unter dem Vorwand, den Glauben des christlichen Abendlandes zu verteidigen, mit dem Schwert gegen die Moslems zu Felde. Mit seiner schlagkräftigen Flotte plünderte er osmanische Kriegs- und Handelsschiffe und machte dabei reiche Beute. Die Kreuzzüge zwischen Glauben und Grauen, Intoleranz und Gier waren blutige Schlachten, die im Nahen Osten bis auf den heutigen Tag tiefe Spuren hinterlassen haben. Nach der Eroberung durch die Türken mussten die Johanniter aus Rhodos weichen und fanden als Malteserorden auf Malta eine neue Bleibe, die ihnen Kaiser Karl V. 1530 großzügig zugewiesen hatte.
Lesen Sie auch Teil 2 "Vielfalt und Lebenslust"
Text: Renato Diekmann, Fotos: Renato Diekmann, Costa Kreuzfahrten (1)

zurück
Seite drucken