Vielfalt und Lebenslust

Der Koloss von Rhodos

Mandráki – kleiner Schafpferch - heißt Rhodos klassischer Hafen, der die Schiffe umschließt wie der Pferch die Schafe. Den Koloss von Rhodos als Eigner oder Passagier eines Schiffes zu passieren, wäre gewiss das größte Erlebnis eines jeden Rhodos-Reisenden gewesen. Doch statt des sagenumwobenen Weltwunders, das 227 vor Christus einem Erdbeben zum Opfer fiel, markieren Hirsch und Hirschkuh, die Wappentiere der Insel, die traditionelle Hafeneinfahrt. Auf der schmalen Mole links stehen die drei wohl meistfotografierten, noch intakten Windmühlen des Mittelmeerraumes und die Agios-Nikólaos-Festung samt Leuchtturm aus dem 15. Jahrhundert. Nur Hauptpost, Präfektur, Erzbischöfliches Palais, Evangelismos Kirche mit Campanile und Stadttheater erinnern an die italienische Besatzungszeit. Auch die orientalisch anmutende Fassade des langgestreckten Néa Agorá-Gebäudes ist nicht zu übersehen. Unter den schattigen Arkaden zur Hafenseite hin legen die Rhodier gern eine Pause ein, tauschen Neuigkeiten aus, trinken griechischen Mokka und genießen dazu die auf Rhodos so beliebten, ursprünglich türkischen Süßigkeiten wie baklavás und kataifi (Nussschnitten mit Sirup und Zimt).

Thermen-Refugium

Am südlichen Rand von Rhodos-Stadt beginnt ein Urlaubsgebiet, das nach rund 13 Kilometern ins Touristenzentrum Faliráki übergeht. Anstelle der vielen großen Hotelburgen gab es hier vor 30 Jahren lediglich ein paar bescheidene Fischerhütten. Der 3 km lange Sandstrand und der tolle Waterpark begeistern vor allem Kinder und sind bei Familien äußerst beliebt. Anmutiger und schöner als die riesigen Hotelpaläste zwischen Rhodos und Faliráki sind die Kallithéa-Thermen, in denen bis zur Zerstörung im Zweiten Weltkrieg gutbetuchte Damen und Herren ihre Leiden auskurierten. Die positive Wirkung auf Magen- und Darmbeschwerden des schwefelhaltigen Thermalwassers erkannten schon die alten Römer, die Erbauer der Therme. Seit 2007 erstrahlt das museale Refugium mit blühenden Gärten, steinernen Kuppeln und bunten Glasfenstern in neuem Glanz und ist wegen seiner fjordähnlichen Badebucht, des Cafés unter Palmen und der Taucherschule bei Sonnenanbetern und Wasserraten gefragt wie nie zuvor.

Magie der Vielfalt

Überall auf der Insel locken interessante Ausflugziele: Im Tal der Schmetterlinge umschwirren seltene Falterarten wie der gepunktete Harlekin orientalisch duftende Amberbäume, plätschernde Bäche und rauschende Wasserfälle. Auf dem üppig bewaldeten Filerimos-Hügel zeigen die Ruinen der antiken Akropolis von Ialisos (Trianda) die Überreste des Zeus- und Athene-Tempels und das von Italienern hübsch restaurierte Kloster. Spuren einer dorischen Stadt gibt es an der Westküste in Kameiros zu sehen, die buntesten Türen der Insel in Kashnou südlich von Rhodos-Stadt. Die Burgruine Monólithos, im Südwesten der Insel auf einem freistehenden Felsen erbaut, bietet Panoramablick von Kap zu Kap über das Ägäische Meer. Die weiß gekalkte Kapelle, die nur zu Fuß über eine Treppe erreicht werden kann, steht Besuchern immer offen. Und in Siána, einem kleinen Bergdorf, empfehlen sich die Besichtigung der mit Fresken geschmückten Kirche des heiligen Panteleimonos und der Besuch im gegenüber liegenden Mini-Market, der zugleich Kaffeehaus und Informationszentrale des Dorfes ist.

Die Perle Griechenlands

Die größte touristische Attraktion der Insel ist zweifellos Lindos, das Juwel unter Rhodos Städten. Der traditionelle Ort liegt wie gemalt auf einer Halbinsel am Mittelmeer. Mit seinen weiß getünchten Häusern klettert er oberhalb der tiefblauen See einen Felshang hinauf, der von einer Akropolis gekrönt wird. Faszinierend ist nicht nur der Blick auf die antike Festung, sondern auch die Aussicht von der Akropolis auf den natürlichen Hafen und die Paulus-Bucht. Hier soll der Apostel an Land gegangen sein und Christi Botschaft weitergegeben haben. Lindos, die Perle Griechenlands, ist ein beliebtes Postkartenmotiv und steht schon lange unter Denkmalschutz. Durch die bevölkerten Gassen des Bilderbuchortes fährt außer den knatternden Mofas und Dreirädern der Müllabfuhr kein einziges Auto. Und Rhodos-Experte Klaus Bötig weiß zu berichten, dass die hübschen Kapitänshäuser mit byzantinischen, ägäischen und arabischen Elementen an den Wohlstand der Lindier in der Zeit der Türkenherrschaft erinnern und eindrucksvoll zeigen, wie weit die Seeleute im 17. Jahrhundert gekommen sind auf ihren Reisen und wie viel Reichtum sie ansammeln konnten. Die Wände ihrer Häuser sind geschmückt mit bunt bemalten Keramiktellern, der Innenhof und größte Raum des Hauses, die Sála, mit Kieselsteinmosaiken kunstvoll belegt.

Was für ein Freilichtmuseum!  

Eisdielen, Obst-, Gemüse- und Souvenirläden, Cafés und Restaurants säumen den Weg, der zum Ende hin über eine steile steinerne Treppe hinauf zur mächtigen Johanniterburg führt, der vorgelagerten Festung der Akropolis. Die Bauten der antiken Oberstadt sind erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts von dänischen Archäologen Stück für Stück freigelegt worden – etwa die Grundmauern des Römischen Kaisertempels, die Reste der Wandelhalle rechts und links der ausladenden Freitreppe sowie die aufwändig restaurierten dorischen Säulen des Tempels der Athena Lindia auf dem vierten Plateau. Was für eine Aussicht! Vor dem Sonnenuntergang im Westen liegen Lindos weiße Häuser mit begrünten, illuminierten Dachterrassen, auf denen Gastgeber und Gäste bei Anbruch der Dunkelheit ihr Abendessen, das sich über Stunden hinziehen kann, lustvoll einnehmen.

Jamas!

Die Köstlichkeiten der griechischen Küche genießen die Hellenen am liebsten mit Freunden und Verwandten in der parea, der großen Tischgemeinschaft. Dabei geht es stets ausgelassen und sehr gesellig zu. Je mehr Wein und mezedes - viele verschiedene Leckereien und Gerichte aus der Region - die Tafel füllen, desto besser! Zu einem gelungenen griechischen Essen gehört auch gute griechische Musik, ob Mikis Theodorakis, Maria Farandouri, Nana Mouskouri oder traditionelle Insellieder – und natürlich der international bekannt gewordene Sirtaki, der für viele Nicht-Griechen als Inbegriff des griechischen Tanzes gilt. Jamas! Die Hellenen zelebrieren das Leben, dass es eine Freude ist! Alexis Zorbas, die bekannteste Romanfigur des griechischen Schriftstellers Nikos Kazantzakis, im gleichnamigen Film von Anthony Quinn eindrucksvoll gespielt, hat es vorgelebt: Wir tranken und machten reinen Tisch. Die Welt wog leichter, das Meer lachte, die Erde bewegte sich wie das Deck eines Schiffes, zwei Möwen stolzierten auf den Kieseln und unterhielten sich wie Menschen. Ich erhob mich. „Komm, Zorbas!“, rief ich, „Lehre mich tanzen!“ Begeistert sprang er auf, sein Gesicht strahlte. „Tanzen, Chef? Tanzen? Dann komm!“

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Text & Fotos: Renato Diekmann