Vitalität & Lebenslust

Zahnlos glücklich?

Wohlbefinden steigern

Vielen Menschen ist auf den ersten Blick gar nicht bewusst, welchen Einfluss die Mundgesundheit auf ihre Lebensqualität hat. Das wird umso deutlicher, je älter man wird und je mehr die Funktionstüchtigkeit des eigenen Gebisses mit dem Älterwerden nachlässt. Das Informationszentrum Zahngesundheit Baden-Württemberg (IZZ), bundes- und europaweit bekannt als kompetenter Vermittler von Informationen aus der Zahnheilkunde an die Vertreter der Medien, machte Mundgesundheit und Lebensqualität zum Thema des 15. IZZ-presseforums und diskutierte in der Kopfklinik des  Universitätsklinikums Heidelberg mit Fachjournalisten, Zahnmedizinern und betroffenen Patienten über wichtige Aspekte der Funktionsstörungen an Kiefergelenk, Muskulatur und Zähnen. Im Fokus standen die Fragen: Wie viel Lebensqualität schafft prothetischer Zahnersatz? Wie viele Implantate braucht ein Patient? Kann die Korrektur von Zahn- und Kieferfehlstellungen die Lebensqualität verbessern? Wie kann man „mit Biss“ altern? Ziel jeder (zahn)medizinischen Therapie, so die zentrale Antwort, sollte immer eine Steigerung der individuellen Lebensqualität sein.

Zahnlos glücklich?

Glücklicherweise ist die Zahnlosigkeit in Deutschland rückläufig. Dennoch bleibt Zahnersatz ein wichtiger Bestandteil zahnärztlicher Versorgung. Nach heutiger zahnmedizinischer Auffassung geht es bei der Eingliederung von Zahnersatz aber nicht nur um den Ausgleich einer beeinträchtigten Kaufunktion, meint Dr. Thomas Stober, Oberarzt Zahnärztliche Prothetik am Universitätsklinikum Heidelberg, das für seine fundierte Ausbildung der Studenten/innen einen hervorragenden Ruf genießt. Stober bezieht sich in seinem Referat auf zahlreiche Studien, die darauf hinweisen, dass in der subjektiven Patientenperspektive Zähne weit mehr als notwendige Kaufwerkzeuge sind und Mundgesundheit mit körperlicher Integrität, Wohlbefinden und sozialer Anerkennung assoziiert ist. Der Nutzen von Zähnen bzw. Zahnersatz und Prothesen muss daher an den physiologischen und psychosozialen Dimensionen gemessen werden. Entscheidend sind sowohl Kaufähigkeit, Sprache, Erhalt von oralen Strukturen, Ästhetik und Tragekomfort als auch Lebensqualität, Zufriedenheit, positives orales Körpergefühl und Selbstvertrauen.

Implantate leisten wertvolle Dienste

Implantierter Zahnersatz besteht lt. Wikipedia aus bis zu drei Komponenten: einer künstlichen Wurzel, die vom Zahnarzt in den Kieferknochen eingesetzt wird, einem Verbindungsstück und einer künstlichen Zahnkrone bzw. der Brücke oder Prothese, die im zahntechnischen Labor von hoch qualifizierten Zahntechnikern gefertigt wird. Die Anzahl der benötigten Implantate wird neben dem Zustand des Restgebisses und der (guten) Knochensubstanz maßgeblich von den für den individuellen Patienten vorrangigen Therapiezielen bestimmt, betont Professor Dr. Peter Rammelsberg. Im Vergleich zum konventionellen Zahnersatz ergeben sich für die Patienten zahlreiche mögliche Vorteile durch den Einsatz von Implantaten. Der Ärztliche Direktor der Poliklinik für Zahnärztliche Prothetik zählt dazu die Vermeidung konventionell angefertigter Brücken und herausnehmbarer Prothesen. Er benennt aber auch die beträchtlichen Kosten (ca. 2000 Euro je Implantat) und bekannten Risiken. Selbst bei schonenden Operationsverfahren ist die Implantation immer mit einem primären Knochenverlust verbunden. Aufgrund der genannten Fakten ist deshalb vor einer Entscheidung für Implantate zu prüfen, ob das angestrebte Therapieziel (z. B. festsitzende Brückenversorgung oder stabile Verankerung einer Teilprothese) auch ohne Implantate erzielt werden kann.

Sind schiefe Zähne bald Vergangenheit?

Ausgeprägte Zahn- und Kieferfehlstellungen können aus physischer und psychosozialer Sicht die Entwicklung eines Kindes und das Leben eines Erwachsenen schwer belasten, weiß Professor Dr. Christopher Lux. Bei sehr auffälligen Anomalien empfiehlt der Ärztliche Direktor der Poliklinik für Kieferorthopädie stets eine kieferorthopädische Abklärung und Behandlung. Eine moderne Kieferorthopädie kann hierbei nicht nur die morphologischen Probleme für das Kausystem beseitigen oder abmildern, sondern auch einen erheblichen Beitrag zur verbesserten sozialen Akzeptanz des Kindes bei stigmatisierenden Zahn- und Kieferfehlstellungen leisten, und so die Angst, in der Schule gehänselt ode schikaniert zu werden, von vornherein ausschließen. Auch beim Erwachsenen sind gezielte Korrekturen der Zahn- und Kieferlage in der Regel noch möglich, und kann den Faktor Lebensqualität weiter erhöhen, bestätigt Lux. Schließlich wissen wir, dass Menschen mit schönen, gesunden Zähnen und einem wohlgeformten Kiefer zufriedener sind, mehr Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl an den Tag leben und sogar die Chancen für ihren beruflichen wie gesellschaftlichen Aufstieg verbessern.

Altern mit „Biss“!

Trotz rückläufiger Zahnlosigkeit wurde in internationalen und nationalen Untersuchungen bei älteren Menschen ein eingeschränkter Mundgesundheitszustand festgestellt, berichtet PD Dr. Alexander Hassel, Oberarzt Zahnärztliche Prothetik. Dies trifft besonders auf benachteiligte Gruppen wie den pflegebedürftigen, den sozial isolierten oder von zahnärztlicher Versorgung ausgeschlossenen älteren Menschen zu. Aktuelle Untersuchungen für Deutschland zeigen, dass in der Gruppe der 65-74-jährigen im Mittel 14,1 Zähne (fast die Hälfte des Gebisses) fehlen, 22,1% dieser Gruppe zahnlos sind und nur 0,1% keine Karieserfahrung haben. Lediglich 1,4% der Untersuchten zeigten parodontal gesunde Gebisse. Dennoch legen ältere Patienten großen Wert auf Mundhygiene und Zahngesundheit. Eine Schlüsselrolle spielen hierbei psychologische und soziale Faktoren wie Aussehen und Selbstbewusstsein. Hassel fordert deshalb für die kommenden Jahre eine longitudinale Beobachtung der Mundgesundheit älterer Menschen, damit Risikofaktoren minimiert und geeignete Prophylaxestrategien entwickelt werden können.

 

Text: Renato Diekmann, Fotos: Diekmann (5), IZZ (1), ProDente (7), piqs.de (1), Tourismus Baden-Württemberg (1), Universitätsklinikum Heidelberg (2), wikimedia (1)

Quellen: 15. IZZ-presseforum sowie genannte Referenten der Mund-, Zahn- und Kieferklinik am Universitätsklinikum Heidelberg